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Jackie A. entdeckt… Designer Market

Wir schlappen vorbei an dieser Heavy-Metal-Kneipe zirka 50 Meter weiter zum Designermarkt. An diesem Sonntag steckt so viel Kuchen in unseren Bäuchen, dass wir einen Zuckerrausch durchleben

Kolumne Jackie A. tip 10/2017

Sachertorte, das Kokain des Berliner Speckgürtels – da sollte mal jemand drüber berichten! Grundlos lachen wir uns durch den Prenzlauer Berg, um dann, kurz vor dem Ziel, skeptisch zu werden. „Designer Market mit DJ“, das klingt ja schon so schlimm! Nach Vollbärten und Craft Beer, nach tätowierten Dreiecken auf rasierten Herren-Hühnerbrüsten und reduzierten Aktivitäten in den Arealen unterhalb von Ombré- und Balayage-gefärbten Frisuren. Der Blick in den Spiegel rückt die Realitäten zurecht, denn da – Hilfe! – lächelt breit diese Tussi zurück, die ihr Leben am liebsten durch den Instagram-Filter betrachtet und „Flat White“ im Sankt Oberholz  bestellt. Also sind wir hier auf dem verdammten Designermarkt ja wohl genau richtig! Moment mal, ist das da hinten….? Da flaniert jetzt nicht wirklich dieser Lindner von der FDP mit seiner Frau, oder? Das ist ja das Allerletzte! So wie damals bei der Loveparade, als plötzlich ein Wagen von der Jungen Union vorbeizog. Jetzt brauche ich Alkohol. Und danach suche ich nach philosophischen Daseinsrechtfertigungen in diesem Gaga-Kosmos aus temporären Klebe-Tattoos für Katzenfans, mit Street-Art bekrakelten Holzscheiben (Wanddekoration) und dem Lindner von der FDP. Daran kann man ja nur scheitern! Und während  Saudi Arabien der UN-Kommission für Frauenrechte beigetreten ist, finde ich mich an einem Stand mit durchsichtigen Netzschlaghosen wieder und rufe: „Guck mal, Klaus, die ist doch schön!“  Unter den Verkäufern bricht Begeisterung aus, weil die meisten Menschen hier 500 Euro für eine Netzhose bisher deutlich zu teuer fanden. Daher wird die Chance ergriffen und die „Aperol Spritz“-Bedödelte mit 20 Teilen aus blauem Gummi oder schwarzem Netz zur Anprobe auf ein WC geschickt. Sie schenken uns und sich Berliner Hipsterschnaps nach, die Standbetreuung wirkt auch schon angesäuselt. Ich stehe dann zwischen handgestrickten Kakteen und mit sinnloser Grafik bedruckten Beuteln in einer gesäßfreien Design-Netzhose, trinke Schnaps mit der Frau vom Stand und denen vom Nachbarstand, und irgendwann beschließen wir, alle ins Kitkat zu gehen, weil das der einzige Ort ist, an dem man so ein Outfit überhaupt tragen könnte. Am Ende landen wir aber doch nur an einem Kiosk mit Putenbrust-Brötchen am S-Bahnhof. Und wenn übermorgen wirklich die Welt zusammenbricht, haben wir am Sonntag auf dem Designer Market zumindest nochmal gelacht.

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