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Kolumne

Jackie A. entdeckt… Die Donut-Apokalypse

Treibe in einem überdimensionalen Donut über funkelndes Seewasser. Der Mann steht am Ufer, macht Fotos, ich winke ihm zu. Äußerlich ist da ein Lächeln auf meinen Lippen, tief drinnen fühlt es sich finster an

Statt den Tag zu genießen, kann ich nicht aufhören, über diesen Reifen unter meinem Hintern nachzudenken: bestellt bei Amazon, einem Konzern, der bis vor kurzem noch keinen Cent Steuern in Deutschland zahlte, deren Mitarbeiter unter harten Bedingungen, meist mit befristeten Verträgen schuften, hergestellt in China, sehr wahrscheinlich von noch schlechter bezahlten und stark überarbeiteten Menschen. In ungefähr einem Jahr wird er Luft verlieren und Bestandteil eines unendlich wachsenden Berges aus chemisch belastetem Plastikmüll werden. Je mehr ich über mein Geschenk, das sollte der Donut sein, nachdenke, um so düsterer fühlt es sich an. Als ich kurzentschlossen auf „Bestellen“ klickte, wollte ich jemandem, den ich liebe, eine Freude bereiten. Doch das Geschenk ist ein vergiftetes. Es steht mit chemischem Zuckerguss für die Verlogenheit unseres Systems, für globale Geschäfte auf Kosten anderer, für zynischen Lobbyismus und ungesundes Konsumverhalten. Es steht für den Kaffee und die Schokolade, geerntet für Hungerlohn auf den Plantagen, genau wie vermeintliche Fair-Trade-Bananen, gepflückt von Minderjährigen für Cent-Beträge. Es steht für ein Leben in einem zutiefst ungerechten System, dessen globale Verzweigungen ich nicht durchschaue. Es fühlt sich schal an, ein irgendwie okayer Mensch sein zu wollen und nach einer Packung Bioeier in einer sozial und ökologisch aus den Fugen geratenen Welt zu fragen. Ich registriere die Umrisse einer perfekten Wolke am Brandenburger Himmel, während auf der anderen Seite der Erde gerade ein Waffendeal in Milliardenhöhe getätigt wurde – Milliarden! Die Perversion des Systems begreift am ehesten, wer sich die Aktienkurse anschaut, die auf Horror-Nachrichten, wie Krieg oder Firmenpleiten mit Massenentlassungen, mit Rekordhöhen reagieren. Dieses System frisst Wälder, Trinkwasserressourcen, das gemäßigte Klima, die Tierwelt und am Ende uns Menschen. Und während wir mit der Titanic untergehen, wird auf Parteitagen in Deutschland weiterhin über Gardinen in den Schlafkojen gefachsimpelt. Noch 100 Jahre gibt der Astrophysiker Stephen Hawking der Menschheit, dazu die Empfehlung, schon bald neue Himmelskörper zu besiedeln. Ich möchte keine neuen Planeten besiedeln, ich möchte ja nicht mal Veränderung, aber es muss sein. Mein Wandel wird denkbar klein beginnen: mit einem Nichtklick beim nächsten Mal.

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