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Kolumne

Jackie A. entdeckt… Eisschwimmen

Die Terrasse ist mit Eiskruste bedeckt. Über die Fußsohlen springt mir die Kälte jetzt direkt bis unter die Schädeldecke. Es knackt und knistert bei jedem Schritt. Erinnert sich noch jemand, wie sich nackte Füße auf Eis anfühlen?

Oder Schnee auf geschlossenen Augenlidern? Jeden Morgen laufe ich über die vereiste Fläche. Der Effekt ist ähnlich wie bei diesen fünf Minuten, die ich mal unter einer Outdoor-Dusche in Kolsstaðir, Island, verbrachte. Inmitten menschenleerer, violetter Berglandschaften floss das eiskalte Wasser über meinem Körper, was nach dem ersten Schrecken die totale Euphorie zur Folge hatte – ein Hoch aufs Endorphingewitter! In klein gibt es das auf der vereisten Terrasse vorm Haus. Darauf mache ich Yogaübungen oder auf dem Bauch liegend Schwimmbewegungen. Sowas ist hier zum Glück noch unbeobachtet möglich. Nur einmal stand plötzlich der Nachbar auf der anderen Seite des Grundstücks. Regungslos starrte er in meine Richtung. Ich hielt ebenfalls inne – bis ich einfach weitergeschwommen bin. Ich trainiere schon fürs nächste Jahr, Eisschwimmen im See! Es ist Winterhalbzeit auf dem Land, und die Depression ist passé, seit ich auf das „Erlebnisangebot Natur“ bei jedem Wetter zurückgreife: Schnee? Hagel? Hauptsache raus, gern auch mal nackt, die Waschbären des Berliner Umlands sind so Exzentrik längst gewohnt. Was auch glücklich macht: zu sehen, dass dem Dorfnazi eine Windböe die Reichsflagge im Vorgarten zerfetzte. Wie ein geschredderter Socken hängt sie da an der Stange, zerrupftes Mahnmal gegen Stumpfheit. Das schlechte Wetter ist jetzt mein bester Kumpel! Nur mit der Dunkelheit hadere ich noch, die bricht pünktlich um 17 Uhr herein. Dem Fluchtreflex nach Berlin folgend, finde ich mich dann an der Haltestelle wieder, so wie letztens. Da stand ich in der Finsternis und hörte den Bus schon aus der Ferne kommen. Er hatte einen Affenzahn drauf, als er an mir vorbei raste. Reflexartig, in letzter Sekunde, riss ich meine Tasche in die Luft. Mit quietschenden Reifen bremste der Fahrer 20 Meter weiter, die Türen öffneten sich und er begann zu erzählen: über Menschen in umliegenden Dörfern und über eine freundliche Frau, die ihn abends immer mit Taschenlampe anleuchtet. Er redete eine gefühlte Ewigkeit und der Bus blieb einfach so im Nirwana stehen. Seine Botschaft habe ich verstanden. Und wenn Sie beim nächsten Landausflug an einer Haltestelle eine Frau hektisch mit Taschenlampe winken sehen, dann wissen Sie jetzt: Sie ist vermutlich wetterfest und leuchtet nur einem Busfahrer.

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