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Kolumne

Jackie A. entdeckt… Gisela

Jeden Tag machte der alte Mann seine Runde durchs Dorf. „Hallo Gisela!“, hat er mir mal zugerufen, mir sogar ein paar Wildblüher gepflückt. Ich fand das witzig, zumal er tags zuvor am Altglascontainer meinem Mann Prügel angeboten hatte. Inzwischen lebt er betreut, und ein anderer hat seinen Platz übernommen. Auch er flaniert nun, zunehmend altersdement, durchs Dorf. Und falls er irgendwann nicht mehr nach Hause findet, werde ich ihn bringen – ich weiß ja, wo er wohnt.

Heute also im Angebot: Insiderwissen vom Land über das praktische Leben ohne Anonymität und „Milieu-Blasen“. In Berlin hatte ich es ausschließlich mit Leuten in ähnlichen Lebensmodellen zu tun, Selbstständige mit unsicherem Einkommen, Autoren, Musiker, Nacht­leben-Arbeiter. Nach den Wieder­vereinigungsturbulenzen, in denen sich Menschen aus allen Schichten kurz lustig vermengten, funktioniert Berlin wie andere Metropolen auch: Szenen und Milieus sind getrennt, Prekäre verbringen Zeit mit anderen Prekären, Touristen mit Touristen, Eigentums­wohnungsbesitzer verabreden sich mit anderen Besitzgeplagten. Und so weiter.
Das spannende Phänomen „Anwältin trifft auf Bauarbeiter“, Arm schwitzt auf dem Dancefloor neben Reich, kenne ich nur aus den Mauerfalljahren und – in abgewandelter Form – hier aus dem Dorf. Was aber weniger mit Sozialromantik zu tun hat, als mit Pragmatismus. Denn im Dorf muss man davon ausgehen, dass einem die Bewohner die nächsten 20 bis 30 Jahre auf der Straße begegnen. Also arrangiert man sich wie in einer Familie, in der man vielleicht nicht jeden mag, aber die Zugehörigkeit nie in Frage stellt. Da grüßt der Teenager die Rentnerin, tauscht sich die CDU-Wählerin mit der Linken aus und der Strunzdumme mit dem vermeintlich Schlauen. Das kann anstrengend werden, auch unfreiwillig komisch, ist aber ziemlich befriedigend. Denn so funktioniert Gemeinschaft. Da wird nicht einfach wegignoriert, sondern getratscht, gelobt, gemeckert und getröstet. Und wenn’s drauf ankommt, auch mal zusammen gemacht. Diese Mentalität wünschte ich mir mehr noch in Berlin, wo zuletzt unter meinen Freunden detailliert auseinander klamüsert wurde, was an einer Demo mit Motto „unteilbar“ alles falsch war – statt zu erkennen, dass der größte Fehler ist, sich nicht mal auf den kleinsten gemeinsamen Nenner, nämlich die Unteilbarkeit unserer Gesellschaft, einigen zu können. Dabei wird’s auf den Zusammenhalt in Zeiten globaler Radikalisierung noch ­ankommen. Hier kann man vom Dorf tatsächlich was lernen.

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