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Kolumne

Jackie A. entdeckt… Instagram-City

Ich lebe einen Berliner Traum: den vom eigenen Haus im Speckgürtel, mit niedlichen Tieren und genügend Geld für ein sorgenfreies Dasein – das war nicht immer so

Foto: Marcus Weingärtner

Nach offiziellen Maßstäben galt ich lange als arm und das Interessante daran ist, dass ich mich dabei nicht einen Tag arm fühlte. Denn trotz meines Einkommens, das in schlechten Zeiten schon mal unter 800 Euro im Monat lag, fehlte es mir im fröhlich-verwuselten Berlin der 90er- bis 2000er-Jahre an nichts. Abgesehen von einigen Dingen, die für andere vielleicht selbstverständlich waren. Ich konnte mir beispielsweise nicht jedes Magazin kaufen, das ich gerne gelesen hätte, im Supermarkt entwickelte ich eine Art Radar für Sonderangebote, meine Wohnungen hatten nie mehr als ein Zimmer. Und bei Smalltalk-Themen wie Restauranteröffnungen klinkte ich mich aus, weil ich es mir nicht leisten konnte, mich durch die hiesige Gastroszene zu schlemmen. Im Gegenzug genoss ich den Luxus der freiberuflichen Tätigkeitswahl und nahm ausschließlich Jobs an, die mir sinnhaft erschienen – oder erfand sie gleich selbst. Dazu verfügte ich über mehr Freizeit als Menschen, die in größeren und teureren Wohnungen lebten und mehr für die Miete verdienen mussten. So blieb mir genügend Zeit und Geld, um noch die halbe Welt zu bereisen.
Trotzdem gab es Momente, in denen ich mich minderwertig und wegen fehlender Mittel ausgegrenzt fühlte, und heute, wo die Mittel nicht mehr fehlen, weiß ich, wie falsch das war. Es ist nicht nur keine Schande, finanziell arm zu sein, es ist vor allem sehr Berlin und manchmal sogar eine Chance auf einen genialen Sonderweg. Denn kein Hochglanz­projekt hat diese Stadt zu dem gemacht, was sie ist, sondern die Summe der Ideen von Leuten, die mit Leidenschaft und oft bescheidenen Mitteln ihr Umfeld auf ganz besondere Weise prägten. Den meisten Berlinern war das auch bewusst, und in den „coolen“ Clubs wurden Leute mit einer „Geldsack“-Attitüde an der Tür einfach abgewiesen. Was ja auch nicht in Ordnung war … – die armen Reichen! Aber mal im Ernst, Berlin ist auf dem Weg zu einer Instagram-City, in der nur noch mitspielt, wer sich die Luxus-­Gadgets leisten kann. Vieles daran mag der Politik geschuldet sein, manches liegt aber bei uns selbst. Wer möchte, dass seine Umgebung unbeeindruckbar spielerisch bleibt, der muss selbst ein Stück unbeeindruckbar spielerisch bleiben, darf sich im Angesicht der Flut von teuren ­Geschäften und Luxusapartments nicht anfangen klein zu fühlen – ganz im Gegenteil. Wie sagt der Berliner? „Icke icke bin Berlina, wer mir haut, den hau ick wieda.“

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