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Kolumne

Jackie A. entdeckt… Latte-Art und Herrendutt

Falls Sie sich um den Sommer 2017 betrogen fühlen oder deprimiert sind, weil Sie sich – obwohl es uns doch so gut geht in Deutschland! – noch immer keinen Butler leisten können, dann möchte ich hier an den perfekten Flauschmantel für ein wundes Herbst-Ich erinnern: Kaffee!

Seit meinem 16. Lebensjahr bin ich abhängig und wie es sich für einen echten Junkie gehört, habe ich meine erste Tasse nicht vergessen. Es war 1987 in meiner Ausbildungsstätte zur Sachbearbeiterin im VEB Geräte- und Reglerwerk Teltow. Da hat mir meine Vorgesetzte diese Tasse aus Henneberg-Porzellan auf die Tischplatte geknallt. Der „Rondo“ muss vorher schon länger auf der Heizplatte gestanden haben. Er schmeckte säuerlich-bitter und war nur noch mittelwarm. Bis zum Feierabend stand mir kalter Schweiß auf der Stirn, dafür war ich wach und erstaunlich gut gelaunt. Emsig wie nie heftete ich Dokumente in Ordnern ab, hunderte müssen das gewesen sein. Am Ende hatte ich das Pensum für die ganze Woche erledigt. Seither bin ich dem Trunk verfallen und habe einen Partner an meiner Seite, um den es ähnlich steht. „Schlaf schön!“, sag’ ich Abends zu ihm im Bett und er antwortet müde lächelnd: „Ich freu mich schon so auf unser Frühstück morgen, dann können wir wieder Kaffee trinken!“
Deshalb war die spektakulärste Nachricht für mich nicht etwa die über Kim Jong Uns H-Bomben-Test. Oder Hurrikan „Irma“ in Florida, sondern über das Coffee-Festival letztens in Berlin. Ich bin da direkt hingefahren, habe aber keinen einzigen Kaffee getrunken. Stattdessen lauschte ich Vorträgen, wie man zu einem Influencer wird. Also zu jemandem, der, so hatte ich mir das jedenfalls vorgestellt, neben dem Akt des ständigen Kaffeekonsumierens, noch ein bisschen facebookt und dafür fürstlich von der Kaffeebohnenindustrie entlohnt wird.
So wurde ich Zeuge, wie immer mehr Interessierte mit vorausgestrecktem Selfie-Arm das „The Barn“ betraten. Umgeben von Herrendutts, Dreadlocks, Vollbärten und/oder modischen Sonnenbrillen sowie Eiche-Mobiliar in Used-Optik, fühlte ich mich bald wie ein Störenfried am Set eines Spots für „Warsteiner“-Bier. Der Vortrag ging über eine Stunde, und ich kann Ihnen sagen, wie man ein echter Coffee-Influencer wird. Hier der Auszug aus meinen Notizen: „Hashtags benutzen! Videos und Fotos posten (nicht steril – mehr authentisch!), 5.000 Follower sammeln! Immer kommunizieren! Jeden Kommentar beantworten, egal wie doof! Immer ,on‘ sein! Immer ,real‘ sein!“
Bleibt nur noch die Frage, wo da die Zeit für einen Kaffee bleiben soll?

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