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Kolumne

Jackie A. entdeckt… Lost in Landleben

Sommer auf dem Land bedeutet: Zuerst kommen die Rasenmäher, dann die Anfragen von den Berlinern. „Sag mal Bescheid, wenn da bei euch was frei wird.“ – „Ja, klar“, gebe ich zurück, und: „Ist aber schwierig geworden, weil es hier im Dorf boomt.“

Letztens, auf dem sonst menschenleeren Feld, hatten wir gleich zwei Paare gesichtet. Sie liefen in einiger Entfernung als kleine Punkte in Richtung Horizont. Mein Mann schwitzte, sagte, er bekäme gleich einen klaustrophobischen Anfall. Die Natur ist ja nur ein Gedicht wert, wenn sich kein Mensch darin rumtreibt, außer man selbst – aber darüber redet ja wieder keiner! Geredet wird von Badeseen, die möglichst nah am Landsitz in spe liegen sollten. Bis dann der Erste während seiner real umgesetzten Landschwärmerei irgendwo in der Idylle plötzlich Lust auf einen Abstecher in die Bar X bekommt, das Taxi rufen will und feststellt, das gibt es hier ja gar nicht. Und dann: Zusammenbruch in der guten Hose auf Waldboden, wimmernd: „Ich Stadtmensch, bin für immer verloren!“

Wer es ernst meint mit dem Land, schafft sich ein Auto an oder muss mit dem Stempel klar kommen, komplett wahnsinnig zu sein. Denn wenn ich hier erzähle, dass ich keinen Führerschein besitze, werde ich fassungslos angestarrt. Solche Blicke kenne ich eigentlich nur aus den den frühen 90er-Techno-Jahren, wenn einem jemand im Tresor oder Planet ganz verschwörerisch eine Ecstasy zustecken wollte und meine Antwort lautete: „Nee danke. Für mich nicht.“ Die nackte Fassungslosigkeit! Hier im Dorf, zum Beispiel am Tresen der einzigen Gaststätte, erläutere ich dann, dass mein Mann wichtige Algorithmen für öffentliche Verkehrssysteme der Zukunft programmiert hat und ich daher, wie der Rest der Bevölkerung, demnächst sowieso nur noch von Maschinen durch die Gegend chauffiert werde. Danach ist das Gespräch meist zuende, ich behalte aber trotzdem recht. Das werden die Leute hier schon noch feststellen, so in 30, 40 Jahren! – Ich hab ja Zeit! So, wie jeder auf dem Land Zeit hat, und keiner in Berlin. Denn Zeit scheint ein magischer Kaugummi zu sein, der sich auf dem Land unendlich ausdehnt, während er in der Stadt klein und hart bleibt – aber das jetzt wirklich nur am Rande.

Das Landleben ist exakt so wohltuend und erdend wie sein Ruf – zumindest bis Oktober, dann erlischt das Berliner Interesse an erdverbundenen Lebensmodellen. Winter auf dem Land bedeutet ja auch: Erst kommt der Matsch, dann die Ernüchterung. Danach aber beginnt das Abenteuer.

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