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Kolumne

Jackie A. entdeckt… Miss Alexanderplatz

Woran erkennt man, dass am Alex gerade ein Veganes Sommerfest stattfindet? Daran, dass der Mann vorm Eingang mit seinem Bratwurst-Bauch­laden den Umsatz des Jahrhunderts einfährt!

Was eigentlich keinen Sinn machte, weil’s hier schier endlose Imbiss-Optionen gab, dazu Paneldiskussionen über Gemüse-Genossenschaften, Stände, an denen über Kuh-Altersheime informiert wurde, oder Bücher aus Graspapier. 20 Minuten lang harrte ich in der Schlange beim indischen Street-Food aus, um mir beim Mann mit dem Tattoo, das aussah, als hätte jemand mit einem Kugelschreiber einen cholerischen Anfall auf seinem Arm ausgelebt, gebackenes Gemüse mit Mango-Sauce zu ordern. Es folgte eine Geschmacksexplosion, musikalisch begleitet von Friedrichshainer Ethno-Techno. Am Alex geht wieder was! Also Hände hoch, wer schon im neu eröffneten Museum der Illusionen war!

Jeder, der insgeheim davon träumt, das Internet mit absurden Selfies zu sprengen, sollte sich das anschauen, mehr surrealer Motiv-Irrsinn ist ja kaum möglich. Und auch wenn das Museum inhaltlich jetzt gar nicht mal so spannend war, die Effekte – Vortextunnel! Stuhl der Illusionen! Katzenhologramm! – in Kombination mit der Humorbereitschaft der Mitarbeiter wirkten so gut, dass meiner Freundin und mir zwischendurch vor Lachen die Tränen in die Augen schossen. Keine Fata Morgana, mehr ein Hoffnungsschimmer ist die Tapas-Bar „El Colmado“ in der gastro­wüstenartigen Umgebung der Rathausstraße, also unweit der Passage, in der – als ob das alles nicht längst reichen würde! – die Wahl zu „Miss & Mister Alexanderplatz“ stattfand. Mit Resten von veganer Mango-Sauce im Gesicht saß ich da auf einem Klappstuhl zwischen Laufsteg und der Drogerie Rossmann und wunderte mich über Teile des Publikums, die sich extrovertiert in 70er-Jahre-Klamotten, mit bunten Plateau-Stiefeln durch den Raum feierten. Durchreisende auf einem Konzert zu Dieter Thomas Kuhn, wie ich auf dem Kunden-WC erfuhr.

Als ich zurückkam, wurde die Nummer 11 gerade gekrönt. Laut kubanischer Einwanderin zwei Klappstühle weiter, zu recht: „ Ah, sie hat die schönste Gesicht!“– „Aber warum nicht die Physik-Studentin?“ „Nein, die Haare zu schwarz, nicht so schön.“ – „Und der Mister?“ – „Nicht gut.“ – „Keiner?“– „Keiner.“ Trotz des vernichtenden Urteils wurde Nummer 2, ein Barmann aus dem „Sharlie Cheen“, zum Mister gekrönt – und mein Favorit, der Platz selbst, hat auch was gewonnen: mindestens zwei neue Optionen.

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