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Kolumne

Jackie A. entdeckt… Pein und Ekstase

Letztens fand ich mich zwischen Pressekollegen wieder, die sich, vermutlich ebenfalls im Rahmen einer Recherche, in pseudo-ekstatischen Tanzbewegungen in einem Konferenzsaal verloren. Als „zitternder Spaghetti“ wanden wir uns am Boden für ein bisschen Zeilengeld oder einen TV-Beitrag über die Veranstaltung „Ecstatic Dance“. Wie tief kann man eigentlich sinken?

Aber Job ist Job, und natürlich wäre es jetzt ein Leichtes, das Esoterik-Quatsch-verdächtige Event zu verreißen. Damit wäre allerdings nicht geklärt, wieso das Konzept von Brüssel über Portugal bis Berlin tausende Fans findet. Irgendetwas musste an dieser 19-Uhr-Journey ohne Schuhe und Alkohol dran sein.

Also betrat ich das Haus des ehemaligen SED-Zentral­organs „Neues Deutschland“, bezahlte als „Energieausgleich“ 15 Euro und versuchte unvoreingenommen die Szenerie auf mich wirken zu lassen, was natürlich null funktionierte. Jeder Teilnehmer war verdächtig, ob mit Vollbart und im Berghain-kompatiblen Shirt oder mit Dutt im Wohlfühl-Pulli, grazile Studentinnen, die nach Sasha-Waltz-Bewegungstraining aussahen, oder die einzige Person mit schönen Schuhen: eine Transsexuelle in roten High Heels. Meine geschäftstüchtige Freundin errechnete unterdessen, „wie viel Kohle hier gescheffelt wird“. Demnach handelte es sich um ein geniales Geschäftsmodell und wir beschlossen, bald selbst schon als Veranstalter in das „Dance-Journey-Business“ einzusteigen.

Aber vorher mussten wir noch in den Saal zur Aufwärmphase, in der wir uns mal humpelnd wie mit einer schwereren Körperhälfte bewegen sollten, mal stark grimassierend, dann strampelnd wie eine Biene, die in ein Glas Honig fiel. An dieser Stelle musste ich raus, weil ich beim Anblick meiner Freundin das Lachen nicht mehr zurückhalten konnte. Als ich zurückkehrte, hielten sich Teilnehmer an den Händen, kurz bevor das DJ-Set begann. Der Sound war durchdacht, eine Fusion aus House und Tribal mit Disco-Anleihen bis zu supertrippigen Goa-Tracks. Menschen tanzten voller Pathos. Paare rollten ihre Körper übereinander wie in einem experimentellen Tanztheaterstück. Und ein schlacksiger Dreadlocktyp nervte, weil er mit seinem Rumgehampel viel zu viel Raum einnahm. Anfangs bewegte ich mich noch angestrengt, mit der Zeit verselbstständigten sich aber Kopf und Körper, bis ich tanzend und im Kollektiv „Hu!“ und „Wow!“-rufend die Umgebung, dann auch mich selbst vergaß. Am Ende kicherte meine Freundin: „Die haben mich echt bekommen.“ – „Mich auch“ gab ich schwitzend zurück. Peinlich, aber wahr.

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