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Jackie A. entdeckt… Realitätscheck

Was für ein Wurm im Universum der Mensch doch ist, wurde mir am U-Bahnhof Eberswalder Straße klar, bei Eintritt in die Backstube „Zeit für Brot“. Ein Querschnitt des aktuellen Prenzlauer Berger Milieus drängte sich hier zwischen angebotenen Bio-Brotsorten in schöner Klischeehaftigkeit

Kolumne Jackie A. in tip 07/2018

Diese latente Zickigkeit bei der Bestellung unter Wollmützen im Stil der britischen Arbeiterklasse, mit Kindern in Bauchtragebeuteln, die in ein paar Jahren genau wie ihre Eltern echte Working-Class-People wie die Verkäufer mit ihren Sonderwünschen malträtieren. Und dann dieser beleidigte Blick des Privilegierten in Funktionsjacke, weil sein Strudel nicht rechtzeitig aus dem Backofen kam… – aber nach „Zeit für Brot“ brüllen! Hilfe, die Kolumnistin macht die Prenzl’Berger schon wieder schlecht! Dabei liegt doch auch Freundlichkeit in der Luft und der Geruch von Zimtschnecken, der ablenkt von den großen Widersprüchen dieser Tage, die sich hier an der Kreuzung perfekt verbildlicht haben. Denn das „Zeit für Brot“ liegt unweit von „Risa Chicken“, dem Halal-„KFC“-Verschnitt schräg gegenüber, der auch mit viel Fantasie nicht in den Kiez passen will – ein Affront in der Welt von Plastiktütenanklägern und Bioproduktverehrern wie mir. Wenigstens bin ich auf der richtigen Seite, wenn ich hier im Bio-Back-Cafe einkehre, statt mich, wie so ein pubertierender Aggro-Lurch, mit Billighähnchen vollzustopfen! Oder etwa nicht? Check: Sitze bei fair gehandeltem Cappuccino und spende, wenn ich Lust habe, ein paar Euro für „Brot für die Welt“ mit meinem Smartphone, welches unter miesesten Bedingungen – Billiglohn, ausufernde Überstunden, umweltverschmutzend – in China hergestellt wurde. Dann checke ich Statusmeldungen, unterschreibe vielleicht diese Petition gegen Plastikmüll, wobei Amerikas Ausstieg aus dem Klimaschutzabkommen Auswirkungen hat, gegen die mein kleiner Online-Protest einfach nur lächerlich wirkt. Und wenn ich in mein Bio-Brötchen beiße, haften an ihm Spuren meines Lippenstifts der Firma „L’Oréal“, an der der Arschlochkonzern „Nestlé“ Anteilseigner ist. Die Liste der Widersprüche könnte ewig weitergehen und die Konstante in einem Dschungel, in dem es viel Doppelmoral und wenig absolute Wahrheit gibt, ist der Falter der Chaostheorie, dessen Flügelschlag angeblich einen Tornado auslösen kann. Demnach müsste auch eine simple Geste das Zeug zu Großem haben. Und wenn Sie darauf achten, dann entdecken Sie plötzlich überall Potenzial – selbst zwischen diesen Zeilen hier: so ein winziges Lächeln, das nur darauf wartet, weitergegeben zu werden.

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