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Kolumne

Jackie A. entdeckt… Schick versus Schock

Party in der Stadt und Feiern auf dem Land. Diesen Sommer wird alles mitgenommen! Von „Moscow Mule“ (Wodka, Ginger-Beer) in Berlin bis zum „Ententeich“ (irgendein Bier, rote Brause) im Brandenburger Dorf. Zwischendurch auf allen Vieren mit verdrehtem Magen durch den Vorgarten kriechen, die Katze anflehen, dass sie einem den Kater wegpflegt.

Zum TOA Tech Festival gab es die Party für Startup-Gründer, Influencer, Investoren und deren aufgetuffte Begleitungen in der Bar „Jackie O“. Das klingt schlimm, war es aber nicht. Zum einen, weil dieses Set von Daniel Haaksman so gut war. Von der ersten Sekunde tanzten also internationale Menschen wie Derwische im Sand zum Baile-Funk-Elektronischem-Irgendwas. Zum anderen, weil branchenverdächtige Tresenmonologe, beginnend mit „Mein neues Startup…“ oder „Meine zwei Millionen Follower…“ wegen der Lautstärke ausfielen.
Dafür schreit mir jemand am Tanzflächenrand ins Ohr, es wäre in der Berliner Startup-Branche so genial, wie in den frühen Neunzigern in den Künstlerkollektiven in Mitte. Andere Stimmen meinten: „Such a great event!“ „I love your hair!“ oder „Schon gehört? XY ist mit 870 Millionen Euro Investmentkapital gerade auf Shoppingtour.“ Nur eines ist gegen vier Uhr gewiss: Besoffen sind wir alle Influencer! Auch wenn du morgen nur zwei Likes für deinen Instagram-Sonnenuntergang bekommen wirst. Sieben Schlafstunden später schleiche ich aufs dörfliche Heidefest. Der allseits beliebte Physiotherapeut wurde zum Heidekönig gekrönt. Eine Königin gibt es nicht, dafür ein Karussell, einen Dosenabwurfstand und das berüchtigte Partyzelt. Dazu die große Toleranzübung: Wie lange hältst du es aus in einem Raum, in dem Roger Whittaker, gefolgt von Max Giesinger, gespielt wird? Ein Mann aus dem Westen wünscht sich am DJ- Pult Musik von „Karat“ aus dem Osten – praktizierte Wiedervereinigung! Dann Tanzen mit Oma Hedwig neben dem Einarmigen. Und Paarkonzepte mit mal mehr, mal weniger zur Schau getragenem, heterosexuellem Lebensglück. Der Höhepunkt ist die Tanz-Performance einer regionalen Breakdance-Guppe. Ich rufe am Ende „Zugabe!“ und vergesse kurz, dass da im Zelt auch Menschen in „Thor Steinar“- und „Heidnischer Krieger“-Shirts sitzen. Mein Kater wiegt ungefähr so schwer wie die Erkenntnis, dass man sich deutschen Realitäten im Dorf nicht halb so effektiv wie in der eigenen Großstadt-Blase entziehen kann: Schick versus Schock – nur gut im Zusammenspiel.

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