• Kultur
  • Jackie A. entdeckt… Schweigen ist silber – Quatschen ist gold

Kolumne

Jackie A. entdeckt… Schweigen ist silber – Quatschen ist gold

Kennt Ihr den: „Reden ist silber – Schweigen ist gold?“ Oder den: „Große Dinge sprechen sich am besten durch Schweigen aus?“

Jackie A.

Demnach läuft bei mir schon länger etwas schief, genauer: seit dem zweiten Lebensjahr, seit dem Tag, an dem ich zu sprechen begann – und bis heute nicht damit aufhörte. Es ist nicht immer der Weisheit letzter Schuss, der da aus der sich stets bewegenden Mundöffnung klappert. Da kommen schöne wie banale Sätze, Schimpftiraden, ein Lachen oder wohliges Grunzen, mal ein kluger Gedanke, dann wieder uninspiriertes Gedöns. Kurzum, dieser Mund ist da, um literweise Kaffee hineinzuschütten und ansonsten Worte zu Sätzen zu formen – und zwar sehr viele. Die Redebegeisterung zusammen mit einem honigkuchenpferdartigen Lächeln brachte mir schon früh ein ungünstiges Image ein, das nicht direkt in der Nähe von Albert Einstein angesiedelt war.
Warum es dennoch besser ist zu sprechen, als sich in Stille zu hüllen, wurde mir nach einigen Schweigeminuten, die sich wie Stunden anfühlten, bezeichnenderweise auf einem Friedhof klar. Meine 90-jährige Nachbarin, die nur so vor Humor und Herzlichkeit sprühte, verstarb, und bei der Beerdigung fand ich ihrer Tochter gegenüber nur platte Worte. Es war mir unmöglich, auszudrücken was ich fühlte, obwohl mir Edith, so heißt sie, unheimlich fehlt. Erstaunlicherweise verstand die Tochter mein kopfloses Geschwafel, und es folgte eine lange Umarmung. Mir wurde klar, dass Worte häufig nur Träger einer Emotion sind, frei nach: „Der Ton macht die Musik.“ So passiert es, dass etwas Banales gesprochen wird, jedoch mit Stimmlage und Gestik eine ganz wesentliche Aussage entsteht. Du kannst so was Dämliches sagen wie „Schönes Wetter heute“ –  und gleichzeitig zu verstehen geben „Das hier ist mir sehr wichtig mit dir“. Oder: „Ich bin todunglücklich.“ Es mag Situationen geben, in denen es schlau ist, den Mund zu halten. Wesentlich häufiger jedoch ist es nützlich, zu reden. Es zeugt auch nicht unbedingt von sozialer Kompetenz, wenn man sich scheut, bei Bedarf und in Ermangelung an Alternativen auch mal holprige oder platte Worte einzusetzen.
Das soll jetzt keine Aufforderung sein, alle Blödheiten der Welt in die Atmosphäre zu posaunen. Ich behaupte lediglich, das Reden um einiges goldener ist als Schweigen, denn Reden ist wie Küssen: Mal dauert’s zu lang, dann war’s plötzlich zu kurz, hier wirkt’s anregend, dort trostlos, euphorisierend oder alles zusammen. Den Versuch aber ist es immer wert!

Mehr über Cookies erfahren