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Kolumne

Jackie A. entdeckt… Sonntagsrave mit Ehemann

Neuerdings kommen wir mit dem Kleinwagen nach Berlin. Auf der Autobahn hören wir Musikempfehlungen, die mein Mann im „Groove“-Magazin aufgeschnappt hat. „Ich denke, du liest das nicht mehr?“ „Nur noch die Musikkritiken.“ „Hm.“

Manchmal hören wir auch Radiosendungen, wie letztens jene mit den wichtigsten Berlin-Songs aller Zeiten. Bei einem Titel der DDR-Band Silly hat er gefragt, ob das NDW sei und ich hielt erstmal einen Vortrag über die unfassbare Genialität ostdeutscher Künstler. Ich erwähnte dabei nicht, dass ich einst, als Ostler, Ostmusik prinzipiell scheiße fand. Ich konnte in den Achtzigern nur echte West-Musik akzeptieren und ein heimischer Musiker, der sich allen Ernstes „Bummi“ nannte, löste in meiner verwestlichten New-Romantic-Blase pure Fremdscham aus. Altersmilde kann ich einräumen, dass Ralf „Bummi“ Bursy nicht nur ähnlich gut aussah wie der westliche Interpret Nik Kershaw, sondern sogar über die griffigeren Songtitel verfügte: „Wind im Gesicht“ oder „Feuer im Eis“. Jedenfalls parkten wir direkt vorm Holzmarkt-gelände, weil wir uns das endlich mal anschauen wollten. „Ach, ist das toll geworden!“, rufe ich und: „Guck doch mal, die vielen gezimmerten Details! Warum liegt hier eigentlich überall Stroh? Das können wir doch auch machen vorm Haus, statt Kopfsteinpflaster, ist doch günstiger!“ „Hm.Hm.“

Der Mann ist schon losgelaufen in Richtung einer blauen Telefonzelle. „Von der habe ich gehört, da geh ich jetzt rein!“, sagt er, wirft 2 Euro ein und wählt den Titel „Rhythm is a Dancer“. Ich quetsche mich mit ihm in die Zelle und während wir tanzen, drücken wir die Tasten „Stroboskop“ und „Nebel“. Natürlich konnte das nur ein Vorgeschmack sein. „Los, jetzt gehen wir noch raven im Kater – wie früher!“ Der Türsteher mustert uns: „Wart ihr schon mal hier?“ So halb fragend antworte ich mit „Ja?“ und fühle mich dabei wie Erich Mielke auf der Pressekonferenz, kurz vorm Zusammenbruch der DDR. 10 Euro später gibt es Pfeffi, Bier oder Wodka an der Bar, in einer Vitrine stehen noch Zahnbürste und Magen-Gel zur Auswahl. Auf der Tanzfläche läuft eine respektable Freakshow und zwei, drei Übernächtigte hängen schwer in den Seilen, nicht sprichwörtlich sondern an real an der Decke befestigten Tauen. Glöckner von Notre Dame trifft Berliner After Hour, ich lache. „Die Musik ist so, so mein Ding!“, säuselt K., der jetzt bald die zweite Stunde tanzt. Nächsten Sonntag kommen wir dann ohne Kleinwagen nach Berlin.

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