• Kultur
  • Jackie A. entdeckt… Untenrum

Kolumne

Jackie A. entdeckt… Untenrum

Kontrolluntersuchung bei der Gynäkologin: „Dann ziehen Sie sich mal aus.“ Eilig entledige ich mich meiner Klamotten: Pullover, T-Shirt, BH, Stiefel, Jeans, Leggings und Wollsocken (mit Löchern, peinlich!), bis ich nackt vor ihr stehe

Und sie sagt: „Untenrum hätte eigentlich gereicht.“ – „Hahaha“, lache ich ein bisschen zu laut, bevor ich mich auf diesen Stuhl schwinge: die Beine schlecht rasiert, die Schenkel weit gespreizt, damit die Frau Doktor auch gute Sicht in meine Vagina hat. Selten ist es angenehm, auf einem Gynäkologiestuhl zu sitzen, also tue ich das, was ich stets in unangenehmen Situationen tue: Ich rede! Diesmal über das Landleben, die hervorragenden Bahnverbindungen (gelogen) und über die Großartigkeit von Yoga im Schnee (wahr). Dabei klebt mein Blick am Monitor, der die Untersuchung live aus dem eigenen Körper überträgt – wie wahnsinnig ist das denn bitte? Zum ersten mal sehe ich meine Vagina von innen, das schimmernde Gewebe. Wie hübsch rosa-glänzend das aussieht, denk ich noch und frage mich, ob es hier WLAN für ein Facebook-Livevideo gibt – das wäre der Premiere ja nur angemessen… doch stop! Der Gebärmuttermund hat nichts in sozialen Medien zu suchen! Schade! So bleibt das Material nur für ein Paar Gynäkologenaugen bestimmt. „Das sieht alles gut aus“, sagt sie. „So, wie es sein sollte bei einer Frau, die vor den Wechseljahren steht.“ Da richte ich mich auf: „Wie bitte, jetzt schon?“ – „Die Wechseljahre sind ein Prozess, ähnlich der Pubertät, das kann sich zehn Jahre hinziehen“, sagt sie. „Aber wie können Eierstöcke die Wechseljahre beschließen, wenn der Rest noch so … sexy ist?“ Die Ärztin gibt mir nun einen Exkurs in weiblicher Evolutions-Biologie mit den abschließenden Worten: „…und das ist nicht nur beim Menschen so, sondern auch bei den Menschenaffen.“ Ein Menschenaffe in der Menopause als Verbündeter in hormonverrückten Zeiten – wollte sie mir damit Mut machen? „Das geht so nicht!“, rufe ich. Die eine Pubertät hatte mir vollends gereicht. Jetzt lacht die Ärztin, nachdem sie mir die Trümmer meines fortpflanzungsfähigen Daseins präsentiert hat. Was für eine Unverschämtheit! Sie hat mich Oma genannt! Also: indirekt. Zurück zu Hause, werfe ich mich trotzig aufs Sofa und höre Talk Talk und The Cure, während ich nach philosophischen Texten zur Menopause google. Danach bringe ich über meinem Bett Poster von inoffiziellen Menopausen-Idolen an – Michelle Obama, Debbie Harry oder Dolly Parton als Erinnerung an den ewigen Leitsatz: „Girls just want to have fun!“ – mit oder ohne Eier.

Mehr über Cookies erfahren