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Kolumne

Jackie A. entdeckt… Vodka am Alex

Mit 15 stieg ich aus dem Zug, abgehauen aus der Kleinstadt, angekommen – und das war sofort klar – am besten Ort der Welt, dem Alexanderplatz. Blitzverknallt war ich in die weitläufige, futuristische Architektur, unendlich großstädtisch erschien sie mir, ein einziges Freiheitsversprechen.

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Gut 30 Jahre später stehe ich wieder hier und jetzt fühlt es sich an wie bei einem dieser Klassentreffen, wenn der unfassbar tolle Junge von damals plötzlich mit Bierbauch und Raucherhusten grüßt. Meine alte Liebe ist in jämmerlichem Zustand. Da glänzt nichts mehr, Dunkelheit dominiert. Auf meinem Weg ins Spielcasino bin ich von spärlicher Beleuchtung, Bauzäunen, Touristen und üblen Typen umgeben. Gekommen bin ich, um zu feiern – den Geburtstag des Freundes und den Tag der Wiedervereinigung. Dem Veranstalter ist Letzterer ein Dutzend Präsentkörbe wert, feinsäuberlich getrennt in Ost und West.  „Nehm’se den mit den DDR- Artikeln – der ist leichter“, rät die Empfangsdame. Ich trage dieses hautenge Lurex-Kleid, dazu viel zu langes Haar und künstliche Wimpern. So stellte ich mir Roulette-Spielerinnen ja immer vor, als verheerende künstliche Gestalten, wie Jessica Rabbit oder Sharon Stone. Leider ist das einzig Verheerende hier der Zustand meines Freundes, der seit 19 Uhr einen Vodka nach dem anderen kippt und nun auch noch am Roulette-Tisch auf Zahl gewinnt und ruft: „Jackie, der reine Wahnsinn!“ Darauf – logisch – einen Vodka. Die Wahrheit ist, dass die goldenen Zeiten des Casinos längst in ein Beige übergegangen sind.
Neben den Spielautomaten parken Rollatoren, während Senioren in aller Ruhe ihre Rente verzocken, so wie der Herr neben mir. Als ich den letzten Chip einwerfe und auch dieser keinen Gewinn bringt, kommentiert er: „Dit hätt ick ihnen gleich sagen können.“ Sowas baut natürlich auf. Der schnelle Wechsel von Ananas-, Bananen- und Kirsch-Symbolen löst nichts aus in mir, ganz im Gegensatz zu den Akteuren: der Nachwuchsmafiosi mit Basecap, die Osteuropäerin mit den kaputten Schuhen, der kettenrauchende Spielsüchtige und der glitschige Barmann, der so tut, als hätte er mit all dem nichts zu tun. Ein merkwürdig zeitloser Ort  ist das, eine Transitzone zwischen Hoffnung und Scheitern. Von glamouröseren Tagen ist nur noch die rot-goldene Auslegware und der Sekt in Piccolo-Flaschen übrig. Klar wird hier, drinnen wie draußen, auf welche Art Wandel funktioniert, wie auf ein Hoch stets das Runter folgt, bei Menschen, auf Plätzen und in allen Lebensaspekten. Mit 46 steige ich in den Zug, zurück in die Kleinstadt, hinaus ins Dorf.

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