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Kolumne

Jackie A. entdeckt… Weinende Clowns

Flundergleich liege ich im Sand, blinzele eingekesselt von Tchibo-Strandmuscheln unterm Sombrero hervor. Die brathähnchenfarbene Topless-Oma neben mir trinkt gerade den dritten Becher „Rotkäppchen“, und mit der Selbstverständlichkeit eines seit VEB-Zeiten gelebten Feminismus reckt sie ihre eingeölten Brüste in die Runde mit dem glatzköpfigen Schwiegersohn

Kolumne Jackie A. tip 14/2017

Es ist ein feist-freundlicher Fleischberg, dessen Vortrag zu regionalen Paketdienstleistungen immer dann durch lautes Stöhnen unterbrochen wird, wenn ein vollkommen unfitter Strandvolleyballer mit wirklich allerletzter Kraft einen Ball übers Netz schlägt. Vitaler präsentiert sich eine winzige rothaarige Person mit in den Kniekehlen hängenden Windeln, die mit versteinerter Mine die Sandburgen sämtlicher Konkurrenten am Wasser zerstört.
In der ersten Reihe hat ein Multifunktionsbadegast schon genug. Er faltet seine Utensilien, von der Decke bis zum Windschutz alles in schwarz, in einen hypermodernen Apparat auf Rollen ein. Er selbst trägt auch schwarz, als wäre der Strand das Berghain.
Dabei sind doch Stylefragen am See egal, es sei denn, sie springen einem entgegen – wie die weinenden Clowns auf Männerwaden. Mindestens vier davon sehe ich hier und es ist mir absolut schleierhaft, wieso derart viele Clowns in Brandenburg leiden müssen. Genau wie die großflächigen, verzerrten Porträts von Familienangehörigen auf Brust und Schulterblättern, darunter der Schriftzug „forever“. Das ist natürlich rührend, sieht aber schlimm aus. Das Bodybuilding-Mädchen in der Schlange vorm Kiosk hat wenigstens Humor und sich einen Kussmund auf den Hinterschinken tätowieren lassen. Eine Frau in meinem Alter trägt wiederum eine Notenreihe als Strumpfband um ihren Schenkel. Ich überlege schon die ganze Zeit, welche Melodie das sein könnte – was von Karat? Oder doch Depeche Mode? In den Neunzigern, als früher Techno-Fan, konnte ich mich nicht entscheiden, ob ich mir nun einen Strichcode (Konsumkritik!) in den Nacken oder ein schmales Tribal um den Oberarm stechen lassen sollte, und ein einziges Mal im Leben hatte meine Entscheidungsschwäche etwas Gutes. Moment. Was ist denn jetzt los? Neben mir wird laut gelacht, die Topless-Oma schenkt ihrer neuen Bekanntschaft, einem Beplautzten, der sich hier als Strandvolleyballer tarnt, Sekt ein. Meine Güte! Die weiß ja, wie man es sich gut gehen lässt! Nächstes Mal bringe ich eben auch eine Flasche mit.

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