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Kolumne

Jackie A. entdeckt… Wildpferde statt Partyponys

Fährste sonntags so raus mit der S2, nimmst die letzten Kilometer Richtung Gut Hobrechtsfelde fluchend mit dem Fahrrad, und plötzlich findeste dich als Statist in einer antiken Saga wieder.

Da stehste dann in filmreifer Kulisse inmitten wundersamer Botanik, irgendwas zwischen urzeitlichem Nadelwald und afrikanischer Savanne. Und da kommen sie aus der Ferne geprescht, weichgezeichnet durch Sprühregen: Pegasus und seine Kumpanen! Keine Flügel auf dem Rücken, aber jede Menge Disteln im Schweif. Ohne Umzäunung, gänzlich frei galoppierend und in ihrer Wildheit so phantastisch und erhaben, dass es dich fast aus deinen DM-Bio-Bambus-Socken haut und du vor Ehrfurcht nur noch auf die Knie sinken möchtest. Doch dazu kommt es nicht, weil sich dieses eine Wilde neugierig nähert, bald schon so dicht ist, dass dir ganz mulmig wird. Auf Augenhöhe stoppt es, bewegt die Ohren – die berüchtigten Pferde- Stimmungsbarometer – unentschlossen, während es dich und deinesgleichen beobachtet. Da sind ja noch 20 andere mit Kind und Kegel dabei.

Und nun folgt dieser eine Moment, in dem geschieht, was eigentlich nicht beschreibbar ist. Und du beginnst zu ahnen, wo das alles herkommt, dieses ganze Brimborium ums Pferd an sich, als Spiegel des eigenen Unbewussten in der Psychoanalyse, als Archetypus und mythologisches Symbol für Neubeginn oder Unsterblichkeit. In diesem Moment, Auge in Auge mit klein Pegasus (er ist ja nun nicht groß), ergibt das alles auf eine höchst unwissenschaftliche, jedoch tief empfundene Art Sinn. Und so passen die frei lebenden Koniks, so der Name der Pferderasse, wie „Arsch auf Eimer“ zu einer Stadt, in der das Streben nach Freiheit schon immer eine große Rolle gespielt hat. Eine Huldigung scheint da nur angebracht, zumal bei der Führung noch etwas gelernt werden kann, beispielsweise darüber, dass ein Leben ohne Mauern oder Zäune intelligenzfördend wirkt. Die Koniks können im Gegensatz zu ihren auf Koppeln lebenden Verwandten giftige Pflanzen von essbaren unterscheiden. Um so verstörender der Bericht über Vorfälle, bei denen sich Unbekannte den Tieren näherten, sich auf der Suche nach Körperkontakt mit Salz einschmierten (WTF). Die Übergriffe flogen nur durch Wildkameras auf. Die kostenlosen Führungen sollen aufklären und sensibilisieren. Füttern und Berührungen sind tabu, möglichen magischen Momenten tut das aber keinen keinen Abbruch. Das freie Leben ist kein Ponyhof, sondern eine Wildpferde-Steppe vor Berlin! Nur gut, dass es noch Winterführungen gibt.

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