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Jackie A. entdeckt… Die Ruhe zum Nachdenken

Jackie A. entdeckt... Die Ruhe zum Nachdenken

Wenn Paris die Stadt der Liebenden ist, dann ist Berlin die Zentrale der Suchenden. Gefahndet wird nach der letzten günstigen Wohnung in Mitte, der endlich dauerhaften Beziehung, der besten Bar, dem nächsten Job, einem Mitarbeiter beim Bürgeramt… Doch statt zu finden, wird hier mehr verloren: ein Schuh am Morgen im Club, der langjährige Mietvertrag, die Kondition oder der Überblick übers eigene Leben – was nicht weiter schlimm ist, sondern zum Gang der Menschwerdung ja dazu gehört.
Dann, irgendwann, erlöst von zu viel Geld und hormonellen Übersprungshandlungen (Jugend), findet sich der Berliner als gänzlich befreite Gestalt in den Vierzigern wieder – vom Leben verkatert auf einer Parkbank in Kreuzberg oder in einer verstaubten Dachkammer auf dem Land. Vielleicht denkt er hier zum ersten Mal im Leben in Ruhe nach. Und möglicherweise, wenn die Ruhe einen ganz und gar durchdrungen hat, bilden sich die entscheidenden Fragen wie Eisblumen am Morgen auf dem Fensterglas ab. Was ist wichtig? Wer bedeutet mir etwas? Was habe ich meinen Mitmenschen außer meinem Lächeln zu geben? Vielleicht fallen die Antworten nicht leicht, aber instinktiv wird man das Richtige tun. Nach mehreren Jahren Funkstille jemanden anrufen, um zu sagen, dass es einem Leid tut. Einen alten Faden wieder aufnehmen. Anfangen, vor der eigenen Vergangenheit nicht mehr zu flüchten, sondern sich auch unangenehmen Wahrheiten zu stellen.
Vielleicht verreist man dann sogar einmal mit der eigenen Mutter, um verwundert festzustellen, wie gut man sich versteht und dass man tiefes Glück empfindet, wenn die chronisch vernachlässigte Familie an einem fernen Ort beieinander ist. Dann fühlt es sich auf einem Fluss irgendwo in der Fremde plötzlich an, als würde man nach Hause kommen. Vielleicht überkommt einen dann auch eine Traurigkeit, wenn man erkennen muss, dass in anderen Ecken der Welt die Familie einen anderen Stellenwert hat, dass es im Umgang mit ihr eine Achtsamkeit gibt, wie sie hier längst abhanden gekommen ist. Dann wird einem schmerzhaft bewusst, wie armselig doch so ein konsumorientiertes, um sich selbst kreisendes Leben sein kann. Es tröstet auch nicht, dass die Ursache nicht nur in einem selbst, sondern vermutlich im System begründet ist. Aber wissen Sie, warum ich jetzt lächeln muss? Berlin ist auch der Ort für Veränderung – und zwar an jedem einzelnen Tag. Gut, hier zu sein, oder?

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Jackie A. liest Jackie A. – Der Podcast: Die Ruhe zum Nachdenken

 

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