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Jackie A. entdeckt… Die Supermarkt-Disco

Jackie A. auf der Supermarkt-Disco

Wovon träumen Sie? Von einer Welt ohne Not? Deutschland ohne Migranten? Ein Leben auf dem Hausboot? Oder eine Nacht mit Richard David Precht? Ich tagträume manchmal von Christoph Schlingensief. Sie wissen schon, der verstorbene Aktionskünstler/Regisseur mit dem Theaterdorf. Ich stelle mir vor, wie er mich auf meiner Recherche durch die Berliner Nacht beraten würde, wie letztens bei Kaiser’s, anlässlich der ersten Supermarkt-Disco in Berlin. So wurde sie angekündigt, was nicht ganz richtig war, denn schon 2004 wurde in Friedrichshain in einem ehemaligen Lidl gefeiert, aber wer will schon kleinlich sein? In Lichterfelde also würden wir nachts bei Kaiser’s an der Theke stehen, so wie die meisten Gäste auf der ausverkauften Veranstaltung im speziellen Disco-Outfit. Schlingensief würde einen Bauarbeiterhelm und einen angeklebten Schnurrbart tragen, ich ein Froschkostüm. Bier wäre im Eintrittspreis von 9,90 Euro inbegriffen und um uns herum tanzten Discokunden zu Funk-Classics vom DJ im Bootsy-Collins-Look. Eine Reporterin von Sat 1 würde vor einem Regal mit der Überschrift „Fleisch“ Gäste interviewen. Jungs mit Herrendutt, Obey-Kappe, oder in Pokйmon-Kostüm, Mädchen mit Rollschuhen und Tütü, Leggins und bunten Perücken tanzten auf Podesten oder vorm Bananenregal. Überall wären Kameras. Der Verkaufsstellenleiter, eine verunglückte Mischung aus Rolf Eden und Klaus Kinski, stünde mit steinernem Lächeln am Tanzflächenrand. Nuschelnd von zu viel gesponsertem Warsteiner würde ich meine Begleitung fragen, wie sie im Kontext der aktuellen Geschehnisse das Feierverhalten überforderter Großstädter einschätze, wie man mit dem gesellschaftlichen Irrwitz umginge: Hier ausflippende Partykonsumenten im Supermarkt, da Flüchtlinge, in Kartons vor unseren Grenzen kampierend. Was würde Schlingensief tun? Einen Künstler mit Karotte im Arsch auf allen Vieren durch die Gemüseabteilung jagen? Einen Bus mit Flüchtlingen ankarren und sie auf der LED-Tanzfläche ihre Schlafsäcke ausrollen lassen? Eine Antwort würde ich nie erhalten. Das letzte Bier wäre eines zu viel gewesen und in einem Einkaufswagen würde ich mich zwischen hunderten Oreo-Keksen schlafen legen. Die großen Momente hätte ich verpennt: wie ein Pärchen sich leidenschaftlich vorm Regal mit den Bioweinen küsst oder jemand in die tanzende Menge springt, um sich von Händen tragen zu lassen – Stagediving bei Kaiser’s. „Die seltsamste Party, auf der ich je war“, würde ein Gast am Ende sagen. Schlingensief ist da schon lange weg.

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Jackie A. liest Jackie A. – Der Podcast: Die Supermarkt-Disco

 

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