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Jackie A. entdeckt… Flügel

Jackie A. entdeckt... Flügel

Unsere Diskussion wird gerade von den Tatsachen überholt. Es ist so, als würden im November ’89 drei Leute vor der Berliner Mauer über Einreisegenehmigungen diskutieren, während der große Rest jubelnd die Übergänge passiert. Weder wir noch die Politik haben einen echten Einfluss auf das, was hier gerade passiert. Flüchtlinge werden in einem Maße zu uns strömen, wie unsere Generation es noch nie erlebt hat, als Ergebnis der Zustände in Syrien, Irak, Afghanistan, Eritrea oder Somalia. Der Sommer 2015 war vermutlich nur ein Vorgeschmack, die ersten Tropfen vor dem Schauer. Millionen Menschen werden sich in den nächsten Jahren in Richtung Europa und Deutschland bewegen. Durch ihre schiere Menge sind sie durch nichts und niemanden aufzuhalten. Sie werden Wüsten durchqueren, Meere überschiffen, mit Flugzeugen, in Zügen, Lieferwagen, Bussen und Taxis ankommen. Sie werden mit Krankheit und Tod konfrontiert, mit kriminellen Schleppern, gewaltbereiten Neonazis, hilfsbereiten oder besorgten Bürgern – ganz gleich, sie kommen, um zu Überleben. Es ist unerheblich, wie wir das bewerten. Und ob Kriminelle mit brennenden Latten um ein Flüchtlingsheim rennen oder ein CSU-Politiker im Jahre 2015 einen Schlagersänger einen „wunderbaren Neger“ nennt. Das Leben in Deutschland wird sich verändern. Wer sich jetzt nicht von der Angst vor dem Neuen einfangen lässt, kann die Chancen erkennen. Ja, es mag unbequem werden, zwicken, auch anstrengend sein. Aber so läuft es mit den Metamorphosen. Wir haben hier die einzigartige Gelegenheit, unser bürgerlich sattes Larvenstadium zu beenden, einen eng gewordenen Kokon zu sprengen und Flügel zu entfalten. Wir können uns in der Krise neu erfinden. Sie gibt uns die Chance, zu jener Art Deutsch-Europäer/in zu werden, die wir großartig finden. Die Frage lautet also nicht: Sind wir für oder gegen Flüchtlinge? Sondern: Wie gehen wir mit ihnen um? Diskutieren wir weiter über Entwicklungen, auf die wir keinen Einfluss haben oder versuchen wir, mit unseren eigenen Mitteln Teil des Prozesses zu werden, das Beste aus der Lage zu machen? Dass wir das Zeug dazu haben, ist mir in diesem Sommer während der vielen Hilfsaktionen in Berlin klar geworden. Berliner, das klingt jetzt vielleicht seltsam, aber ich hab’ eure Flügel gesehen!

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