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Jackie A. entdeckt… Ostpro statt Berghain

Jackie A. entdeckt... Ostpro statt Berghain

Früher bin ich zum Ostbahnhof zum Tanzen gefahren – heute, um was auf der Ostpro zu erleben. Deutlich undergroundiger als zuletzt im Berghain geht es heute bei der Verkaufsmesse für Ostprodukte in der 4. Etage der Galeria Kaufhof zu. Am Einlass wäre selbst Sven Marquardt erstaunt: null Touristen – nur Ossis! Den Auftakt bildet DDR-gemäßes Einreihen in eine sagenhafte Schlange. Im Kaufhausflur riecht es nach sehr lange gekochtem Rotkohl. „Lets Rock!“ denk ich kurz. Ein grauhaariger Herr rufen einem Bekannten im Vorbeigehen zu: "Joachim, Mensch, grüß dich! Wie war’s denn?" Antwort Joachim: "Ach ne. Zu viel Trubel."  Eben noch hatte ich Kioske passiert mit "Leberkäse wie zu DDR-Zeiten" und "3 Wurstgläser für 7,99" im Angebot. Erste Bierverköstigungen an Stehtischen starteten hier gegen 11 Uhr aber auch härtere Drogen, wie Duosan Rapid (DDR-Klebstoff) oder Pferdesalami sind erhältlich. Ein Seniorin in Jeansjacke tippt mir auf die Schulter. Sie bietet ihre Eintrittskarte zum halben Preis an: „Eeen Euro!“ -raunt sie. „Sie sind ja ein Gangster!“- rufe ich,  sie lacht. Beim Kauf fühlt es sich an wie 1986, als ich ein Netz Orangen verdeckt, also unter der Ladentheke, erwarb. Seltsamerweise fühle ich mich heute hier wie eine reiche, dicke Westlerin obwohl ich weder reich noch dick sondern selbst Ossi bin und ich liebe ich meine Landsleute. Waren wir nicht die Südländer unter den Deutschen, temperamentvoll und improvisationsbereit? – Die mit den lustigen Frisuren? Irgendetwas muss schief gelaufen sein. Ich bin von grau-grimmigen Monchichis in Glanzannoraks und Abbildern gealterter 80er-Jahre-Musiker (Limahl, Heinz Rudolf Kunze) umzingelt, nicht selten in abgetragener Kleidung und gebeugter Haltung-  immernoch besser als  das Publikum im „The Grand“, befinde ich trotzig. Dann endlich den
Eingang passiert: Flash Back! Neonbeleuchtung, massiver Grauüberschuss und vereinzelte Pastelltöne schaffen das original Ostfeeling herbei. Nein, es war nicht alles schlecht – es war noch viel schlimmer! Dies ist kein Event für die Kardashians – this is for the real GDR-­ ­People und die Aufgabe lautet, Spaß zu erhaschen in der öden Konsumwelt einer pleitegegangenen Diktatur. Darauf einen Grabower Schaumkuss! – oder gleich die ganze Packung. Vielleicht erinnern sie sich ja noch an den 80er-Jahre-Hit: „Ossis Just Want To Have Fun“?  In diesem Titel steckt viel Wahrheit, wie sich zeigt. An einem Stand glucksen 2 Damen über ein T-Shirt mit  Aufdruck: „Gib Wessis eine Chance“. Und etwas weiter, hinter ausgestellten Baumwollschlüpfern aus Ostproduktion, schlemmen Senioren zufrieden ihre Bautzener-Senf-Bockwürste, wärend sich Pärchen am Spirituosen-Stand mit Eierlkör im Schokobecher, dem Moscow Mule der Ostpro, zuprosten. Gegen 15 Uhr sind soviel Ossis da, dass es in den Gängen kaum noch noch vor oder zurück geht. Ich klemme vor einem Geschäftsmann aus Wernigerode (oder war es Eberswalde?) fest, der mich mit Premium-Vokuhila aufmunternd durch Harzer Honiggläser anlächelt. Ich frage mich, was hier eigentlich los ist, ob es hier am Ende gar nicht um die Produkte geht und mehr um Erinnerungen, an ein geordnetes Leben vor der Wende, einen Gemeinschaftssinn, den es in der Egozentrik des Westens nicht gibt, an eine Zeit ohne Existenzängste und Minderwertigkeitsgefühle. Als ich die Rolltreppe hinunter nehme, klingt Robbie Williams "Millenium" aus den Kaufhausboxen, und ich muss fast heulen. Ossis Just Want To Have Fun! Früher bin ich zum Tanzen zum Ostbahnhof gefahren.

 

Hier entlang geht’s zum Fotoalbum –> https://www.facebook.com/jackiejackiea/media_set?set=a.10153992647442012.1073741830.619397011&type=3&pnref=story


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