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Jackie A. entdeckt… Trendsetter-Omi

Jackie A. entdeckt... Trendsetter-Omi

Sag mal Berlin, wo sind all deine Omis hin? Von Friedrichshain über Mitte zum Prenzlauer Berg: Ich kann die Alten nicht mehr finden! Für gefährdete Bienen werden millionenfach Petitionen unterschrieben, aber Greise sind dazu verurteilt, als rare Exponate im Stadtbild umlagert zu werden. Zum Beispiel letztens in diesem Cafe mit spartanisch-modernem Holzkistenmobiliar. Zwischen vielen jungen Leuten an Laptops strickte die gefühlt letzte Mitte-Oma gemütlich an einer Socke. Sie war die Attraktion am Hipster-Standort, ein Bilderbuchmodel mit grauem Dutt und hutzelig-rundem Gesicht – zwei Mädchen waren derart beeindruckt, dass sie versuchten unbemerkt ein Selfie mit ihr zu machen. Es gibt hier sonst keine Alten mehr, auch keine Punks, Gruftis oder Eigenwilligkeiten, keine Pickel oder Kontroversen keine Leidenschaft und nicht mal einen verdammten Schnapps zwischen all den Organischen Tees und Smoothies- liebe Berliner, so lahm gehts nicht mal im Altersheim zu. Im dörflichen Umland ist das Kräfteverhältnis übrigens genau umgekehrt. Das Knallen der Rotkäppchen-Sektkorken hallt beinahe jeden Sonntag durchs Dorf, denn irgendein Senior feiert hier immer seinen Siebzig- bis Neunzigsten. So wie meine Nachbarin. Sie trägt winzige, weiße Locken, und wenn sie lacht, klingt das herrlich offen und unverhalten. Bei meinem letzten Besuch parkte ihr Rollator neben dem Kaffeetisch, darauf diverse Kekse und Oma-Kaffee. Sie erzählte von ihrer Lieblingsfernsehsendung über Schiffsreisen und darüber, wie es sich im Krieg bei uns in der Straße lebte. Wegen der Bomben stieg sie jede Nacht in den Keller, und als ob nichts gewesen wäre, fuhr sie morgens zum Ausbildungsplatz nach Berlin. Als dann die Bahngleise zerbombt waren, ist sie gelaufen, kilometerweit, sie ging nachts im Dunkeln los. Und sie berichtete, wie russische Soldaten, unterwegs nach Berlin, in unserem Dorf feststeckten. Bewohner durften ihre Häuser nicht mehr verschließen. Militärs gingen ein und aus, nahmen Teppiche und Porzellan mit. Ich fragte, ob sie keine Angst hatte: "Nein", sagte sie. Ein Familienvater hatte auf einen Soldaten geschossen. Sie versteckte dann alle vier in ihrem Keller. Als sie Abends nach Hause kam, fand sie das Elternpaar eng umschlungen auf der Kellertreppe – erschossen. Mit der Hand deutete sie Richtung Flur: "Da sind noch Flecken an der Wand." Die Kinder blieben unversehrt, und bis die Verwandten kamen, kümmerte sie sich – wer sollte es auch sonst tun. Seit dieser Story bin ich natürlich Fan meiner Nachbarin. Ich habe mich gefragt, ob ich auch Leute verstecken würde und wie es wäre, wenn diese Hilfsbereitschaft, wie die Alten sie auf den Dörfern heute noch leben, überraschend ein Revival feierte. Da würde jeder jedem helfen, einfach so, weil man das unter Berlinern so macht, am liebsten ohne Notwendigkeiten durch Krieg oder Terror. Omis Filterkaffee ist ja schon zurück im Berliner Trenduniversum – fehlt nur noch Omi selbst als Trendsetter für innere Angelegenheiten. Los, los, Berlin, hol sie dir zurück!

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