Bücher

Jackie Thomae

Jackie Thomae
Foto: Urban Zintel

Bender schaut in den Barspiegel und dann wieder auf seine Freundin. Er erkennt sich, aber er erkennt sie nicht mehr. (…) Das Wort vorbei bleibt in seinem Kopf stehen.“  Es ist dieser Moment, in dem die ernüchternde Erkenntnis eintritt: Etwas ist gekippt, unwiderruflich. Die Liebe ist weg. Ratlosigkeit füllt die leere Stelle, vielleicht auch Ekel. „Momente der Klarheit“ nennt Jackie Thomae das und auch ihren ersten Roman, aus dem diese Szene stammt. „Die Leute sprechen so viel über magische Momente im positiven Sinne“, sagt sie. „Spannender finde ich aber den Punkt, an dem es nicht mehr weiter geht.“ Der Antipode der Liebe auf den ersten Blick. Weniger sympathieheischend, aber menschlich.

Journalistin und Fernsehautorin Jackie Thomae ist 1972 in Halle an der Saale geboren, noch im Schulalter nach Berlin gekommen, wohnt in Mitte. Sie spricht wie sie schreibt: klar, gewitzt und auf den Punkt. Währenddessen sind ihre Hände immer in Bewegung – Stück für Stück zerlegt sie das Holzstäbchen, auf das der Ingwer ihres Tees gespießt ist. Im Buch entwirft Thomae einen in allen Nuancen der Grausamkeit schillernden Reigen des Verlassens und Verlassenwerdens. Bender „ghostet“ von nun an Doro. Doro sagt sich wenig später innerlich von ihrer besten Freundin Maren los. Sie haben sich entfremdet. Denn Marens Moment der Klarheit hatte das Ende ihrer Sauf-Lust und den Beginn einer „emotionalen Entgiftung“ eingeläutet. Und immer so weiter.

Ihre Protagonisten sind Großstadtmenschen um die Vierzig, Menschen mit kreativen Selbstverwirklicherberufen, mit ihrem Ego gut vertraut und einer Sehnsucht nach Perfektion auf allen Ebenen. Idealer Job, richtiger Wohnort, perfekter Partner. „Alles hat man nie gleichzeitig“, sagt Thomae. „Aber es entsteht die Illusion, man wäre nur einen winzigen Schritt davon entfernt.“  Und so lässt Bender seine etwa gleichaltrige Freundin in genau dem Moment über die Klinge springen, als er sich selbst alt und verletzlich fühlt. In einem Club, zwischen Twentysomethings, deren Codes und Schuhwerk er nicht versteht, nicht verstehen will. „Idioteninferno.“

„Hart mögen vielleicht die Gedanken der Protagonisten sein, schmerzhaft ihre Erfahrungen; der Ton aber, in dem ihre Geschichten erzählt werden, ist voll Wärme und feinem Witz. „Ich hatte nicht vor,  das Festival der Sympathieträger zu veranstalten aber ich musste meine Figuren mögen.“ In Sachen Humor ist Jackie Thomae vom Fach. Sie hat jahrelang für verschiedene Sketch-Comedy-Serien im TV geschrieben. Ihr erster Fernsehjob war bei der legendären Kuppelshow „Herzblatt“. Wenn die Kandidaten hölzern, aber seltsam schlagfertig flirteten, dann nur weil Thomae sich die Antworten vorher ausgedacht hat. „Ich wurde nie wieder für so wenig Arbeit so gut bezahlt“, sagt sie und lacht.  

In den letzten Jahren hat sie gemeinsam mit Heike Blümner zwei Sachbücher herausgebracht; eines über das Frausein und eines über das Altern. Und auch in „Momente der Klarheit“ ist der Faktor Alter allgegenwärtig. Bis Mitte Dreißig fühle sich so eine Trennung auch anders an, sagt sie.  „Weniger: Scheiße, mein Leben ist ein Scherbenhaufen, mehr: Das war Quatsch, das Nächste wird super.“ Aber mit Mitte Vierzig, was folgt da? „Etwa die Altersbeziehung?“, fragt sie ironisch.

Ginge es nach Jackie Thomae, ginge es folgendermaßen weiter: Noch ein bisschen mit dem Buch lesen gehen und dann am besten gleich weiter mit dem nächsten Buchprojekt. „Schreiben ist so ein Psychojob“, sagt sie. „Vielleicht sollte ich mich da gar nicht mehr so weit hinaus bewegen, sondern gleich weitermachen.“  

Momente der Klarheit von Jackie Thomae, Hanser Berlin, 288 S., 19,90 Ђ

??Lesung So 24.1.2016, 17 und 21 Uhr in Jurte 1, 19 Uhr in Jurte 2, Sony Center, Potsdamer Str. 4, Tiergarten

Mehr über Cookies erfahren