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Jan Bosse über seine „Peer Gynt“- Inszenierung am Maxim Gorki Theater

Jan Bossetip Ist Ibsens „Peer Gynt“ für Sie ein Märchen, eine Reise um die Welt und zu sich selbst, ein moderner „Faust“?
Jan Bosse Das ist schon eine große Bestandsaufnahme – auch noch unserer Zeit. Es ist ein sehr expressionistisches und düsteres Märchen, eine große Collage über die Welt, die zwischen den Genres hin und her springt. Wir versuchen, die Philosophie darin total ernst zu nehmen und gleichzeitig den skurrilen Weltenerfindungen Ibsens Genüge zu tun. Es geht eben auch um eine Sucht und Sehnsucht nach Bildern. Und es ist eine Geschichte über die Kraft des Erfindens und Lügens und Geschichtenerzählens. Diese Erfindungen haben auch ihre zerstörerischen und selbstzerstörerischen Seiten. Da rennt auch einer vor sich selber weg und flüchtet sich in Virtualitäten.
tip Verliert sich dieser Peer Gynt in seinen Phantasmagorien? Ist seine Reise um die Welt und durch seine Träume auch ein Rausch der Selbstentäußerung?
Bosse Jens Harzer spielt Peer Gynt jedenfalls nicht als einen Hans Dampf, als Trüffelschwein, als Haudrauf, der ja vielleicht auch in ihm steckt, sondern als jemanden, der versucht, die Welt auch über seine Gedanken, über das Denken zu erobern. Er möchte immer Herr der Lage sein, und trotzdem hat man das Gefühl, dass er eine riesige Geschichte der verpassten Möglichkeiten und der Flucht vor sich selbst erlebt.
tip Die Exotismen, die Seereisen, die Wüste, der Orient, das kann man als Märchen lesen, aber es verweist auch darauf, dass Ibsen das Stück 1867 geschrieben hat, in einer Zeit also, in der die Europäer als Kolonialherren fremde Länder entdeckten und ausbeuteten.
Bosse Man muss sehr genau fragen, was an dem Stück heute noch stimmt. Eine Szene erzählt zum Beispiel davon, wie jemand sich als Guru aufschwingt und über die Ersatzreligion als Sektenführer Macht über Menschen gewinnt. Peer Gynt ist jemand, der von Beziehung zu Beziehung, von Leben zu Leben, von Stadt zu Stadt und Kontinent zu Kontinent hetzt und glaubt, er könnte sich so selber finden. Jemand, der mehrere Leben führt, wie es in einem Song von Peter Licht so schön heißt, so als könnte man das. Das ist natürlich die komplette Überforderung. Von dieser Haltlosigkeit erzählt das Stück. Das ist genau so absurd wie der um­gekehrte Weg, nach innen zu graben und in den eigenen Gefühlen zu wühlen, die ewige Identitätssuche und die Frage, wer man eigentlich ist: „Sei du selbst.“ Das ist beides ziemlich modern und gegenwärtig.

Interview: Peter Laudenbach
Foto: Bettina Stoess


Peer Gynt
(Termine)
Maxim Gorki Theater
,
Tickets unter www.tip-berlin.de/tickets

 


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