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Du bist Berlin: Jan Faktor – Der Eigenwillige

Jan_FaktorDas Band rauscht heftig, die Kassette ist schon etwas betagter. Es klingt, als läge ein Rekorder in einem Wassereimer. Zwei Männer, schreiend, im Wortfetzenstakkato. Monotones Hochtouren.
Der erste Mann: „AUGEN …“. Und der zweite, gleich hinterher: „… ied.“ Das Gedicht ist experimentelle, eigenwillige Lyrik. Es dauert länger.

„ASTEROied. SPANNUNGSELLIPSOied. DELTOied. SPERMATOZOied. TORPied. HYBRied.“
Irgendwann ruft eine Frau: „Reicht, reicht.“ Die beiden Männer deklamieren unbeirrt weiter.

Der zweite Mann ist Jan Faktor. Das Gedicht stammt von ihm, „Parallelepiped„. Die Aufnahme ist aus dem Jahr 1983, aus einer Wohnung am Kollwitzplatz. Es ist die einzige Live-Aufnahme, die Faktor aus der Zeit besitzt. Ein Relikt.
Jan Faktor, Jahrgang 1951, geboren in Prag, 1978 der Liebe willen nach Ostberlin gezogen, ist ein kleiner, drahtiger Mann. Mit seiner Frau wohnt er seit 20 Jahren in einem Pankower Altbau. Annette Simon, schreibende Psychotherapeutin, ist die Tochter der Schriftstellerin Christa Wolf.

Nun erscheint Faktors neues BuchGeorgs Sorgen um die Vergangenheit oder Im Reich des heiligen Hodensack-Bimbams von Prag“ bei Kiepenheuer & Witsch. Faktor ist für den Belletristik-Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Wie Helene Hegemann, Georg Klein, Lutz Seiler, Anne Weber. Sein 600-Seiten-Werk ist kein Lyrikband, davon hat er sich ein bisschen verabschiedet, sondern ein Roman. In der Ostberliner Literatur­szene von Prenzlauer Berg hätte allein das gereicht, als Verräter zu gelten. Man dichtete Lyrik oder Prosa. Man schuf Kunst. Man biederte sich nicht Verlagen an. Romane waren Anbiederungen.

Vor zehn Jahren schrieb Jan Faktor einen langen Text über die Prenzlauer-Berg-Szene: „Warum aus uns nichts geworden ist.“ Zitat: „Es kann nämlich kein Zufall sein, dass sich die Nach-Wende-Bücher aller wichtigen Autoren des Prenzlauer Bergs nicht nur NICHT VERKAUFT haben – sie sind zudem SCHWER LESBAR BIS UNGENIESSBAR …“ Er hat sich dafür mit Leuten von damals unterhalten. „Einer grüßt mich seitdem nicht mehr.“Jan_Faktor
Abschied, Distanzierung, der eigene Weg. Faktor hatte sich schon zwei Jahre, bevor die DDR implodierte, von jener Literaturbohйme abgewandt. Hin zu den Bürgerrechtlern. Neues?Forum. Ein Literat schnaubte später: „Diesen Scheiß-Westen haben wir euch vom Neuen Forum zu verdanken.“

Will man verstehen, was Faktor antrieb, muss man sein neues Buch lesen. Es ist der Roman einer wilden, sehnsüchtigen Jugend in Prag. In fein abzirkelten, fantasiereichen, oft auch drastischen Sätzen fabuliert Faktor über erotische Abenteuer, Sprengstoffexperimente, seine Familie. Die getrennten Eltern. Seine Mutter und ihre Liebhaber. Den Vater, Major bei der Geheimpolizei, Säufer, der mal mit der Waffe aus dem Fenster ballerte.

Wie sein Alter Ego Georg ist Jan Faktor in Prag nahe des gewaltigsten Stalin-Denkmals aufgewachsen, das jemals aufgetürmt wurde, 1955 eingeweiht. Die Staatspartei ließ es 1962 sprengen. „Dieses Land wurde von Verbrechern geführt“, beharrt Faktor. Über dem Tor des Zwangsarbeitslagers Vojna, in das nach dem Krieg Regimegegner eingesperrt wurden, stand: „Durch Arbeit zur Freiheit“. Es klingt wie die KZ-Zeile „Arbeit macht frei“. Faktor sagt bitter: „Böser geht’s nicht.“

In Interviews hat Faktor oft Irritationen ausgelöst, weil er seine Übersiedlung nach Ostberlin als Befreiung fasste. „In Prenzlauer Berg ließ die Stasi uns Literaten doch in Ruhe, die wussten ja dank Spitzeln wie Sascha Anderson Bescheid“, sagt er. „Die tschechische Stasi hätte alle zusammengeschlagen und einkassiert.“
Jan_FaktorDie Wiedervereinigung erlebte Faktor als Schlosser in Johannisthal. Er hielt sich jahrelang mit Stipendien über Wasser. Sein Roman „Schonstein“ wurde von vielen Verlagen abgelehnt. Er erschien erst, nachdem er 2006 den Alfred-Döblin-Preis bekam. „Georgs Sorgen“ hat eine noch längere Vorgeschichte. Die erste Version datiert aus dem Jahr 1986. Faktor zieht den dicken Hefter aus seinem Regal, er streicht fast zärtlich darüber. „Dieses Buch hat zum Reifen 25 Jahre gebraucht“.
Jan Faktor geht die Wege, die er eben gehen muss. So lange, bis es gut ist.

Text: Erik Heier

Fotos: Oliver Wolff

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