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Jan Grohs Wenderoman „Ostbrot“

OstbrotEines vorneweg: Ja, dies ist ein Wenderoman. Aber nicht der Wenderoman. Darauf warten einige ja immer noch. Allen Brussigs, Tellkamps, Schulzes, Sparschuhs zum Trotz. Jan Grohs gerade erschienener Debütroman ist einfach ein ziemlich gutes Buch. Auch wenn man demjenigen, der ihm den bescheuerten Titel „Ostbrot. Eine Irrfahrt durch den Wendeherbst“ eingebrockt hat, mit Tommy Jaud nicht unter zwei Büchern belangen sollte.
Denn Jan Groh, 1964 in Kiel geboren, jetzt Medizinjournalist in Berlin mit frühen literarischen Ambitionen, schreibt zwar pointiert mit oft drastisch verknappten Sätzen, schrammt dabei gelegentlich auch knapp am Manierismus vorbei. Er liefert aber keine Kalauersammlung ab. Alles andere als das.
Im Sommer 1989 ist Ludger Braun aus Hamburg so alt wie die Berliner Mauer – 28. Als sein vier Jahre jüngerer Bruder an einer Hirnblutung stirbt, findet er sich plötzlich in einem wilden Heiratsplot mit der DDR-müden Ostberlinerin Rachel wider. Die hatte zum Schein seinen Bruder ehelichen wollen, als einen Freifahrtschein aus dem engen, ummauerten Land. Ludger lässt sich überreden, die Identität seines Bruders anzunehmen.
So stolpert er durch die Handlung, die ihn in die von Groh mit viel Gespür für Charakternarben gezeichneten Kreise der DDR-Opposition spült, ohne eigenen Antrieb (außer dem des Eros). Alle machen etwas mit ihm, ziehen ihn irgendwo rein und immer weiter. Rachel. Ihr Ostberliner Freundeskreis. Die unbekümmerte, mit verkümmerten Armen geborene Franzi, Ex-Mitbewohnerin ihres Bruders in Hamburg. Ein Stasi-Mann, der auch noch Freund heißt. Und Ludger lässt einfach alles geschehen, weil ihm nie ein Ausweg einfällt aus der Scheiße, die sich immer höher um ihn auftürmt.
Eine zentrale Stelle im Buch ist eine quälend lange, dichte Verhörszene mit dem Stasi-Mann, komisch und grausam zugleich, in der Ludger zum Ver­räter an sich selbst und an seinen neuen Ostberliner Bekannten wird. Wo kein eigener Wille ist, keine Prinzipien sind, da kann auch kein Widerstand sein.
Dass „Ostbrot“ im letzten Drit­tel an Fahrt verliert, sich Groh zu sehr im Chronistentum verheddert – 40. DDR-Jahrestag, Gorbatschow, Groß-Demo auf dem Alex etc. – geschenkt. Dass die Auflösung von Ludgers Dilemma dann doch allzu erwartbar ausfällt, auch.
Am Ende legt man das Buch zur Seite und denkt: Da hat einer eine Menge gewollt. Und auch ziemlich viel gekonnt.

Text: Erik Heier

Foto: Sarbach-Fotografie

tip-Bewertung: Lesenswert

Jan Groh „Ostbrot. Eine Irrfahrt im Wendeherbst“, Prospero Verlag, 350 Seiten, 14 Ђ

 

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