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Retrospektive

Jeanne Mammen in der Berlinischen Galerie

Die Retrospektive in der Berlinischen Galerie ­korrigiert das Bild von der Malerin, Zeichnerin, Grafikerin und Bildhauerin Jeanne Mammen: Ihr Werk ist wider­ständiger, vielfältiger und gegenwärtiger als von den meisten angenommen

K. L. Haenchen, Jeanne Mammen in ihrem Atelier in Berlin, um 1946-1947, © Förderverein der Jeanne-Mammen-Stiftung e.V., Berlin

Vierter Stock, zwei Zimmer, ein Balkon zum Hinterhof, keine Küche, kein Bad, die Toilette im Treppenhaus. Adresse: Kurfürstendamm 29. Für Jeanne Mammen, die in Paris, Brüssel und Rom Kunst studiert hatte und nach dem 1. Weltkrieg wieder an ihren Geburtsort Berlin zurückgekehrt war, ein perfektes Wohnatelier, das sie mit ihrer älteren Schwester Mimi, ebenfalls Künstlerin, teilte. Die folgenden 56 Jahre bis zu ihrem Tod 1976 sollte Jeanne Mammen dort leben und arbeiten.

1890 in Berlin als Kind einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie geboren, die Ende des 19. Jahrhunderts nach Paris gezogen war, hatten die rosigen Zukunftsaussichten im Pariser Atelier der Künstlerin 1914 abrupt geendet. Die Familie aus dem Herkunftsland des Kriegsgegners Deutschland musste Frankreich verlassen, zog nach Holland und verlor den gesamten Besitz. Ohne Geld und Unterstützung von Verwandten schlugen sich die beiden Schwestern später in der deutschen Hauptstadt durch. Jeanne Mammen schickte ihre Zeichnungen und Aquarelle an Magazine, bis sie beim „Simplicissimus“ und anderen Zeitschriften mit ihren sensibel beobachteten und humorvollen Milieustudien der brodelnden Weltstadt auf Interesse stieß.

Diese „Gebrauchsgrafiken“, wie die Künstlerin diese Arbeiten später abfällig bezeichnete, sind die bekanntesten Bilder von Jeanne Mammen. Während ihre gleichaltrigen Kollegen George Grosz und Otto Dix nach deren schockierenden Kriegserlebnissen voller Bitterkeit und Hass ihre Gesellschaftskritik aufs Papier brachten, entstanden die Figuren der französisch geprägten Künstlerin eher aus künstlerischer Neugierde und durchaus auch mit einer gewissen Sympathie. Es ist allerdings nicht zu übersehen, dass die Abbildungen der nach Vergnügen und Ablenkung süchtigen Großstädter im Laufe der Zeit mit spitzerem Strich entstanden. In den gelangweilten Gesichtern der schick gekleideten Cafébesucher und den ausgelassen Tanzenden in verrauchten Bars zeigt sich immer mehr die Kritik an der Oberflächlichkeit einer Gesellschaft auf dem Pulverfass.

Die umfangreiche Ausstellung zu Jeanne Mammen vor zwanzig Jahren im Gropius-Bau habe einen großen Schwerpunkt auf die Bilder der 1920er Jahre gesetzt, erklärt Annelie Lütgens, Jeanne-Mammen-Expertin und Leiterin Grafische Sammlung der Berlinischen Galerie, die diese Ausstellung kuratiert. „Diese Arbeiten zeigen wir natürlich, das ist ganz klar. Aber wir legen schon einen großen Wert darauf, Jeanne Mammen auch als Malerin zwischen 1933 und 1975 bekannt zu machen.“

Ab 1933, während der Zeit des deutschen Faschismus, begann Jeanne Mammen, abstrakt zu arbeiten und sich intensiver mit der Malerei zu beschäftigen. Beim Besuch der Weltausstellung 1937 in Paris sah sie Picassos „Guernica“ und begriff, dass auch abstrakte Kunst kritisch sein kann. Sie rebellierte gegen die Kunstdoktrin der Nazis, indem sie die realistische Form zerstörte.

Jeanne Mammen, Die Großstadt, um 1927, Titelblattentwurf für: Die Großstadt, 1927, Jg. I, Heft 1, Berlinische Galerie, © VG Bild-Kunst, Bonn 2017, Repro: © Kai-Annett Becker

„Das hat sie bis 1945 für sich weiter experimentell entwickelt“, berichtet Annelie Lütgens. „Wenn jemand von der Gestapo vor der Tür gestanden hätte, der hätte sie mitgenommen. Sie hat wirklich eine Widerstandskunst betrieben.“ Doch diese „entarteten“ Gemälde blieben zunächst einmal verborgen in ihrem Atelier. Jeanne Mammen hatte sich als Gebrauchsgrafikerin arbeitslos gemeldet und lebte vom „Stempelgeld“ und den spärlichen Einnahmen ihres fahrbaren Verkaufstischs mit antiquarischen Büchern und Druckgrafik, den sie zusammen mit dem Künstler Hans Uhlmann im Ku’dammkiez betrieb. Sie habe sich als Plakatmalerin getarnt, sagte sie später.
Nach 1945 experimentierte die Künstlerin weiter und integrierte – oft auch aus Materialknappheit – mit gefundenen und gesammelten Sujets wie Stanniolpapier, in dem Weihnachtsmänner und Osterhasen eingewickelt waren. Manchmal lugt aus den flächigen und mosaikartigen Oberflächen ihrer späten Gemälde plötzlich ein grinsendes Osterhasengesicht heraus. „Jeanne Mammen hatte auch viel Humor, und da kommt so etwas Leichtes zum Vorschein“, sagt Lütgens dazu.

Das Wohnatelier der 1976 verstorbenen Künstlerin am Kurfürstendamm 29 wird heute von der Jeanne-Mammen-Stiftung unterhalten. 2013 ließen sich für einen Teil der vierteiligen Ausstellung „Painting Forever!“ drei junge Künstlerinnen, Antje Majewski, Giovanna Sarti und Katrin Plavčak, in diesem Atelier inspirieren. „Ich habe mich damals sehr gefreut, dass die Kuratorin Eva Scharrer das Spätwerk von Jeanne Mammen in einen Kontext von zeitgenössischer Malerei gesetzt hat“, erzählt Lütgens. Das habe sie darin bestätigt, ihre Idee für diese Ausstellung durchzuführen: Ein von Jeanne Mammen verfasstes surrealistisches Filmdrehbuch, in dem es um die Reise einer Postkarte von New York nach Berlin geht, ließ die Kuratorin von einem jungen Künstlerteam realisieren. Der Animationsfilm „Schreib mir, Emmy!“ wird in der Ausstellung zu sehen sein. „Da wurde mir wieder klar, dass in Jeanne Mammens Arbeiten immer noch viel enthalten ist, das junge Künstler beschäftigen und faszinieren könnte.“

Jeanne Mammen: die Beobachterin. Retrospektive 1910 – 1975 Berlinische Galerie, Alte Jakobstr. 124 –128, Kreuzberg, 6.10.– 15.1.

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