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Jobbörse für geflüchtete Menschen

Im Februar fand in Berlin die erste Jobbörse für geflüchtete Menschen statt. Vor der zweiten Auflage haben wir bei allen 200 Ausstellern nachgefragt. Wie kann die Integration gelingen? 

Hans Martin Fleischer/ Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales
Hans Martin Fleischer/ Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales

Der Job schien der Frau aus Syrien sicher, eine Stelle beim Marienfelder Druckereibetrieb Klingenberg Berlin. Es sah alles gut aus. Dann aber begannen die Probleme mit dem Asylverfahren. Probleme, die um sperrige Begriffe wie Residenzpflicht und Bleibeperspektive kreisen. Als wäre alles zu schön, um wahr zu sein.

Im Asylverfahren war der Frau für die Dauer der Antragsbearbeitung das Bundesland Bayern zugewiesen worden. Sie zog jedoch nach Berlin, lebte sich hier ein. Damit aber verstieß sie gegen die so genannte Residenzpflicht. Bei deren Missachtung drohen gemeinhin Bußgeld oder Haft. „Um das Aufenthaltsverfahren korrekt zu durchlaufen, hätte die Bewerberin nach Bayern gemusst, um dort die dreimonatige Wartezeit abzusitzen“, sagt Claudia Becker, Assistentin der Geschäftsleitung bei Klingenberg Berlin. Das wolle die Frau, traumatisiert von der Flucht, aber nicht, erzählt Becker: „Wir konnten sie bisher nicht einstellen, sind aber weiterhin dran.“
Seit zehn Monaten ringt das Unternehmen um seine neue Mitarbeiterin. Die Frau aus Syrien war die einzige von 14 Bewerbern, die die Voraussetzungen mitbrachte.

Klingenberg Berlin gehörte zu den 211 Firmen und Beratungsorganisationen – wie die Berliner Sparkasse, die DAK Gesundheit, der Energiekonzern Vattenfall oder der Onlinehändler Zalando –, die Ende Februar an der ersten Jobbörse für geflüchtete Menschen im Neuköllner Estrel-Hotel teilnahmen, wo am 25. Januar 2017 auch die zweite Auflage stattfindet.
Knapp 80.000 Flüchtlinge kamen seit September 2015 nach Berlin, 55.000 waren oder befinden sich noch im Asylverfahren. Insgesamt 1.000 Jobs seien im Februar auf der Messe in der Sonnenallee zu vergeben gewesen, hieß es seinerzeit. 5.100 Besucher kamen, 80 Prozent davon Männer. Einer anonymen Umfrage des Estrel zufolge wurden in der Folge 105 Ausbildungs- und Probearbeitsplätze besetzt.

Im Grunde sind sich alle, die es nicht gerade beispielsweise mit der AfD halten, einig: Die Integration der Geflüchteten kann nur über ihren Zugang zum Arbeitsmarkt gelingen. Das ist die Crux, die Herausforderung, aber auch die Chance. Daran entscheidet sich viel: für das Land, für Berlin.
Der tip hat einen Großteil der gut 200 Aussteller der ersten Jobbörse kontaktiert. Ein Drittel hat geantwortet, einige allerdings auch auf mehrfache Nachfrage nicht. Die Umfrage zeigt, wie komplex die Probleme tatsächlich sind. Möglicherweise komplexer, als es in der ersten Willkommens-Euphorie schien.

„Ihr müsst erst Deutsch lernen!“ So hieß daher auch das Motto der Agentur für Arbeit Berlin Süd im Februar. Die Agentur kam mit einem mehrsprachigen Team ins Estrel Hotel und hatte über 2.000 beim Jobcenter gemeldete Bewerber mitgebracht, deren Flüchtlingsstatus bereits geklärt war. Viele mit Lebenslauf, gut vorbereitet, motiviert.  Doch besonders die Sprachdefizite hätten sich eben tatsächlich als großes Problem herausgestellt, sagt Agentur-Pressesprecherin Bettina Schröder. Es werde noch Jahre in Anspruch nehmen, die geflüchteten Menschen vollständig in den Arbeitsalltag zu integrieren: „Immer zu erwarten, dass es nur perfekte Bewerber gebe, ist die falsche Einstellung“, prognostiziert die Sprecherin.

So sagt auch Monika Wilczek, Projektleiterin bei der Stabstelle Ausbildung der Charité CFM Facility Management, man habe auf der Jobbörse zwar 87 Erstkontakte mit Interessenten verzeichnet. Allerdings seien die Bewerbungen auf Englisch und nicht wie gefordert auf Deutsch verfasst worden. Persönliche Gespräche seien daher nicht zustande gekommen.
Anderseits heißt es aber zum Beispiel bei der GSE Ingenieurgesellschaft, die Sprachprobleme wären „aus unserer Sicht kein Hinderungsgrund gewesen. Dies hätten wir durch gezielte Schulungen überwunden.“ Gravierender dagegen seien unterschiedliche Ausbildungssysteme und Qualifizierungsstandards, die weit entfernt vom für die GSE notwendigen Ingenieurstudium-Niveau lägen. Die GSE-Jobbörsenbilanz: 21 Bewerbungen, 2 Vorstellungsgespräche, 0 Einstellungen.

Überhaupt werden in der tip-Umfrage immer wieder bürokratische Hürden moniert. Auch Arbeitsagentur-Sprecherin Bettina Schröder konstatiert große Schwierigkeiten bei der Anerkennung von Zeugnissen und Abschlüssen aus dem Ausland. „Zu uns kam ein Syrer, der fünf Jahre lang in Syrien studiert hatte und mit einem Masterabschluss nach Deutschland geflüchtet war“, erzählt sie. „Dieser entsprach hinsichtlich des Niveaus hier jedoch einem Bachelor-Abschluss, so dass der Bewerber einen entsprechenden Master noch einmal erwerben muss.“

Dabei seien es insbesondere Menschen aus so genannten sicheren Herkunftsländern und jene mit einer schlechten Bleibeperspektive, die aus frühzeitigen und notwendigen Integrationsangeboten ausgegrenzt würden, kritisiert Matthias Knuth vom Institut für Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen. Der Professor ist Autor einer kürzlich veröffentlichten Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung zur Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen. Er prangert an, dass viele Regelungen der Logik folgten, die einheimischen Arbeitskräfte müssten vor Ausländerinnen und Ausländern geschützt werden.
Auch hält Knuth die unterschiedlichen Zuständigkeiten der Behörden für problematisch: Flüchtlinge, die Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz beziehen, würden von den Arbeitsagenturen betreut, anerkannte Flüchtlinge dagegen von den Jobcentern.

Aber selbst bei Berufszweigen wie der Security-Branche, wo die Einstiegsghürden als eher überschau gelten, erweisen die Schwierigkeiten für die Einstellung von Flüchtlingen als erheblich. So moniert Steve Bley von der Sicherheitsakademie Berlin, Flüchtlinge mit Duldungsstatus, fehlenden Aufenthaltspapieren oder fehlender Arbeitserlaubnis dürfe er nicht einstellen oder ausbilden. Ihm fehle zudem die Planungssicherheit, da er nicht wisse, ob der potenzielle Auszubildende in sechs Monaten nicht wieder das Land verlassen muss. „100 Bewerber kamen an unseren Messestand. 90 Prozent von ihnen hatten nur eine Aufenthaltsduldung“, sagt Bley. „Wir konnten niemanden einstellen.“

So resümiert auch Manuel Wrobel, Projektleiter der Jobbörse, die Arbeitgeber hätten bei der Integration von Geflüchteten in den Arbeitsmarkt häufig vor rechtlichen Problemen bei den Arbeitsgenehmigungen und beim Aufenthaltsstatus gestanden.
Dennoch sieht er die Jobbörse als Erfolg an, da nur drei bis vier Monate Vorbereitungszeit zur Verfügung gestanden hätten. Ein Erfolg nicht zuletzt aus emotionaler Sicht. Insbesondere, weil Menschen gekommen seien, die ihre hohe Motivation deutlich machten: „Ich will arbeiten, aber ich beherrsche eben noch nicht die deutsche Sprache“. Wrobel sagt, er sei stolz, weil „wir einen konkrete Beitrag zur Integration geleistet haben, ohne viel zu reden und abzuwarten.“

Foto: www.AndreasFriese.de

Es wird aber immer klarer, dass es nicht mit pauschalen Forderungen an die Wirtschaft oder die Politik getan ist, Jobs für geflüchtete Menschen zu schaffen. Wie groß die Aufgabe ist, für alle Beteiligten. Und dass viele Rädchen ineinandergreifen müssen.
Und manchmal gibt es dabei eben auch wechselseitige Erwartungen, die einfach nicht zueinander passen wollen. Wie das auf dem Arbeitsmarkt auch sonst eben häufig passiert. Wenn zum Beispiel das Gebrauchtwarenunternehmen reBuy reCommerce Stellen in seinem Logistikzentrum in Rudow besetzen wollte, ein Großteil der Bewerber  auf der Jobbörse jedoch an höher qualifizierten Arbeitsplätzen interessiert war – und nicht an einfachen Lagerarbeiter-Jobs.
Oder wenn Vodafone zwar auf der Jobbörse 140 Gespräche führte und 50 Lebensläufe einsammelte, aber letztlich nur eine Einstellung verzeichnete: unter anderem deshalb, weil viele der Bewerber nur in Berlin arbeiten wollten oder durften, aber nicht zum Beispiel in Düsseldorf.
Bei einigen Antworten auf die tip-Umfrage schwingt vielleicht auch deshalb einige Enttäuschung über die Ergebnisse mit. Dennoch sagt Vodafone-Sprecherin Tanja Voigt: „Es ist wichtig, Flagge zu zeigen.“

In die zweite Auflage am 25. Januar geht die Veranstaltung nun mit einem um eine Nuance variiertem Namen: Aus der „Jobbörse für geflüchtete Menschen“ ist die „Jobbörse für Geflüchtete und Migranten“ geworden. Das klingt nach einer Verbreiterung der Zielgruppe. Habe die erste Messe zunächst als Format und Plattform für Geflüchtete gedient, um ein Gespür für die Arbeit in Deutschland zu bekommen und Chancen aufzuzeigen, sei die Messlatte für die nächste Messe höher angelegt, sagt Projektleiter Manuel Wrobel: „Dieses Mal ist das Ziel eindeutig die Vermittlung von Jobs.“

Gut sechs Wochen vor dem Start seien bereits drei Viertel der Messfläche gebucht, teilte das Estrel kürzlich mit. Angemeldet hätten sich zum Beispiel die Bayer AG, die Deutsche Bahn, die Deutsche Post, Gegenbauer Holding und McDonalds.
Das Druckereiunternehmen Klingenberg Berlin wird allerdings nicht noch einmal bei der Messe im Estrel-Hotel teilnehmen. Aktuell gebe es im Unternehmen keinen Stellenbedarf, heißt es aus Marienfelde. Und eine Stelle ist ja auch schon vergeben.

Jobbörse für geflüchtete und Migranten Mi 25.1., 10–16 Uhr, Estrel Hotel Berlin, Sonnenallee 225, Neukölln, Eintritt frei, www.jobboerse-estrel.de

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