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Großinstallation

John Bock in der Berlinischen Galerie

Der alltägliche Wahnsinn: John Bock zeigt in der Berlinischen Galerie sein multimediales Welttheater mit Italowestern und Häkelwürstchen. Er überfordert, bis es wehtut und nutzt dazu das Arsenal überbordender Stile: Barock, Dada, Freakshow. Und zur Eröffnung performen Lars Eidinger sowie Bibiana Beglau

John Bock, Escape, 2013, Video, 7:30 Min., © John Bock, Courtesy Sprüth Magers, Anton Kern Gallery / Gió Marconi Gallery / Regen, Projects / Sadie Coles HQ, Foto: David Schultz

Zur 11. Documenta 2002 fiel John Bock in der Kasseler Karlsaue mit seinem absurden Materialtheater und den dadaistischen Vorträgen aus der Reihe. Dabei gab es auf dieser von Okwui Enwezor geleiteten Welt-Kunstschau viele eindrucksvolle Installationen, zum Beispiel von Mona Hatoum, Annette Messager, Thomas Hirschhorn, Artur Barrio und vor allem von Tania Bruguera.

Was John Bock von allen anderen unterschied, war seine – scheinbare – Unbekümmertheit, das Verspielte und die Hingabe an den Nonsens. Sein Versuch, eine Mahlzeit zuzubereiten, endete in einem urkomischen Splatter-Desaster, bei dem Bock Nudeln, Toasts und andere Lebensmittel um die Ohren flogen. Oder er hielt kopfüber hängend einen abstrusen Vortrag über das „amorphe Eigenkapital“ und die „Triebgenialität“, bei der sich die „Schuppenflechte über dem Gesellschaftskonzept“ ergoss.

Der im Schleswig-Holsteinischen Gribbohm geborene Künstler war damals 37 Jahre alt und hatte nicht nur ein Studium an der Hochschule für Bildende Kunst in Hamburg hinter sich, sondern auch ein Diplom als Betriebsvolkswirt in der Tasche. Bereits auf der ersten Berlin Biennale 1998, als die Kunstszene der deutschen Hauptstadt schon internationales Interesse erweckte, krabbelte er in einer Höhle aus Heu herum und wanderte später mit seinem Köfferchen zu dadaistischen „Lectures“ in alle Welt. In Berlin machte er dann wieder 2010 mit der von ihm kuratierten Ausstellung „Fischgrätenmelkstand“ in der Temporären Kunsthalle Furore.

Bock, der eine Professur an der Kunstakademie in Karlsruhe innehat und von der Galerie Sprüth Magers vertreten wird,  ist Bildhauer, Zeichner, Aktionskünstler, Filmemacher und Autor. In der aktuellen Ausstellung kombiniert er eine Auswahl seiner im Lauf der vergangenen Jahre entstandenen Objekte und Filme mit neuen Arbeiten zu sogenannten „Summenmutationen“, zu einem typischen bizarren Bock-Kosmos. Er lässt uns an seiner Sicht auf die Absurdität des Alltäglichen teilhaben. In der Kunstwelt des John Bock spielen künstliche Innereien und Sekrete immer wieder eine Hauptrolle, begleitet von absurden Textkonstruktionen, die poetisch klingen und voller humorvoller Wortschöpfungen sind.

Zum Gespräch saß John Bock zwei Wochen vor seiner Eröffnung in der Berlinischen Galerie mit hochgegeltem Haar und umgeschlagenen Jeanssäumen im 50er-Jahre-Stil in einem Kreuzberger Café. Er bereitete zu dem Zeitpunkt neben der Ausstellung in Berlin eine weitere für London vor. In seinem Atelier in den Weddinger Uferstudios herrsche ziemliche Unruhe, so der Künstler, da für beide Ausstellungen Installationsbauten zusammengehämmert und für den Transport vorbereitet würden. Er selbst war eben noch beim Schnitt seines 90-minütigen Westerns im Bock-Stil.

„Über dem ganzen Film liegt die Grundstruktur eines Italowesterns“, erklärt er, „diesmal mit einer Frau als Hauptperson.“ Den weiblichen Django spielt Bibiana Beglau. Bock umreißt den apokalyptisch inspirierten Film mit zertrümmerten Händen der Heldin, die durch Prothesen ersetzt werden, Rache und Tod des Bösewichts, dessen Kumpel am Ende im Rollstuhl die Straße entlang in die Dunkelheit fährt. Hört sich ganz nach John Bock an.
Gezeigt wird das neue Werk allerdings erst zehn Tage nach Eröffnung der Ausstellung, die der Künstler als eine Art Freakshow beschreibt. Beim Gang durch die Installation werden links und rechts von den Besuchern – „Das muss man eigentlich wie einen Riesendarm sehen, durch den die Leute gedrückt werden“ – wie auf einem Jahrmarkt der 1920er Jahre Shows stattfinden. An der Eröffnungsperformance nehmen Bibiana Beglau, Lars Eidinger, Laurenz Leky, Frank Seppeler und der Künstler selbst teil.

John Bock, der immer mit vollem Körpereinsatz seine Performances gestaltete, zieht sich nun etwas zurück. Er habe in den Schauspielern „Quasi-Ichs“ gefunden, die seine Texte „viel besser und intensiver“ sprechen können, erklärt er und schwärmt von den Potenzialen der Schauspielkunst, die in seine Projekte einfließe.
„Die Innerei will in die Außerei auch mal lugen“, lässt Bock den Schauspieler Laurenz Leky in „Escape“ sagen, während der seine Gedärme aus dem Bauch zwirbelt, die später mit ihm kommunizieren werden. Kein Filmgenre ist vor Bocks Parodien sicher, manchmal erinnern die Szenen ans Cine Noir, an die expressionistischen Kulissen des Stummfilms, Fernsehserien oder opulente Kostümreißer. Es sind immer wieder die alltäglichen Unsicherheitsfaktoren unseres Lebens wie Scheitern und klägliches Versagen, die Bock zum Gegenstand seiner Filme macht. Mit Vorliebe setzt er unkontrollierbare Körperflüssigkeiten und Gelüste in Szene, die sich unserer gewünschten Ordnung entziehen und deshalb tabuisiert werden. Bock wälzt sich genüsslich darin und führt uns immer wieder in diese verdrängten Gefilde. Ihn interessiere weniger die Coolness, sagt er, sondern „der Schmutz unter den Fingernägeln“.

Leicht wie eine Feder will John Bock mit seiner Kunst agieren, bis diese dann zu einem schweren Geschütz mutiert, um sich „mit voller Wucht in die Hirnmasse des Rezipienten“ zu legen. In der Berlinischen Galerie sollen die Besucher mit der Installation verschmelzen, wünscht sich der Künstler, wenn sie durch die Enge des Ausstellungsraums wandern. „Das wird ein Überschuss an Information“, kündigt er an, „eine Überforderung, sodass ein bisschen Milchfieber entsteht, ein Flirren im Kopf.“

John Bock: Im Moloch der Wesenspräsenz Berlinische Galerie, Alte Jakobstr. 124–128, Kreuzberg, Mi–Mo 10–18 Uhr, 24.2.–21.8., 8/ erm. 5 €, bis 18 J. frei

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