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John Niven präsentiert sein Buch „Coma“ bei einer Lesung im Admiralspalast

John Niven
Golf ist wie Sex, heißt es: Man muss nicht gut darin sein, um Spaß zu haben. Das sagt sich auch Gary Irvine, der sich in einem schottischen Kaff vergebens mit dem Ballspiel abmüht und den seine Kollegen als „Golfmongo“ verspotten. Als er auf dem Platz von einem Ball an der Schläfe getroffen wird, fällt er ins Koma, aus dem er dreifach verändert erwacht: Er trifft jeden Ball perfekt; er muss zwanghaft öffentlich mas­turbieren; das Tourette-Syndrom bricht bei ihm aus, was zu Verbal­attacken mit sexuellem Inhalt führt. Als Gary eine Einladung zu den „Golf Open“ erhält, wo sich die weltbesten Spieler messen, tangiert das sein Umfeld auf vielfältige Weise: Seine geldgeile Exfreundin interessiert sich wieder für ihn, ebenso eine Boulevardreporterin, die den neuerdings genialen, aber sensationswirksam kranken Emporkömmling porträtieren will, sowie der Großdrogendealer Ranta. Der möchte Geld eintreiben von Garys Bruder Lee, der auch ein Loser ist, allerdings nicht im Golfen, sondern im Abwi­ckeln von allerlei Kleingangsterei.
In „Coma“ erzählt John Niven die eigentlich sympathische Geschichte kleiner Leute, die in allem, was sie tun, doch immer „Amateurs“ (Originaltitel) bleiben. Sie sind auch alle ein wenig hohl. Wie in einem dieser britischen, temporeichen Guy-Ritchie-Filme texten sich die Ganoven gegenseitig zu, in ihren Dialogen wird hochgeschaukelt, was die Nerven hergeben.
Umso überflüssiger, als hätte Niven seinem Humor nicht getraut, sind die Extras seiner Hauptfigur Gary. Unbeschreiblich plump, wie Niven ihn ausschmückt. Die unfreiwilligen Ficken-Fotze-Schwanz-Verbalattacken nutzen sich früh ab, die befürchtete Masturbationsszene als Höhepunkt des Golfturniers ist vorhersehbar.
Diesen Pubertätsquatsch hätte Niven nicht gebraucht. Schließlich sind seine Gedanken zum Golfsport an sich unterhaltsam genug. Nicht immer tiefsinnig, aber un­terhaltsam. Golf, philosophiert einer der kleinbürgerlichen Loser, ein Videothekar, sei „wie Kokain, Kurzurlaube und Turnschuhe bloß eine weitere Facette eines Spätkapitalismus, der sich einzig aus dem Blut der Armen speist“. Nicht zuletzt ist Golf bei Niven ein gefährlicher Sport. Ein Sport mit einem Parcours voller gähnender Tiefen, in denen etliche verzweifelte Golfer ihre Gesundheit rui­niert haben. Das wird deutlich: Beim Golf geht es härter zu, als es aussieht.

Text: Sassan Niasseri

tip-Bewertung: Zwiespältig

John Niven „Coma“
aus dem Schottischen von Stephan Glietsch und Alexander Wagner, Heyne 2009, 12 Ђ
Lesung Admiralspalast, Friedrichstraße 101, Mitte, Di 24.11.,
21 Uhr, deutsche Lesung Bernd Begemann, Eintritt: 13 Ђ

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