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John von Düffel über „Herz der Finstenis“


vonDüffeltip Sie haben Romane von Theodor Storm, Thomas Mann, Йmile Zola und jetzt Joseph Conrad für die Bühne adaptiert. Wahrscheinlich sind Sie, was Roman-Dramatisierungen betrifft, der produktivste deutsche Autor – kein Klassiker ist vor Ihnen sicher. Was braucht ein Roman, damit Sie ihn dramatisieren?
John von Düffel Einen Roman auf der Bühne lebendig zu machen, ist keine technische Stilübung, es geht immer um ein inhaltliches Interesse, um Themen, die man am besten durch diese Romanstoffe erzählen kann. Ohne einen bestimmten Deutungsansatz, ein spezifisches Interesse, kann ich gar nicht damit anfangen, mich mit einem Stoff auseinanderzusetzen. Ich brauche eine Stoßrichtung, wenn ich durch so ein Buch gehe. Das heißt aber auch, dass ich mich von dem pfleglichen Gedanken verabschieden muss, eine reine Nacherzählung zu liefern. Wir versuchen erst gar nicht, das Werk in Gänze, sozusagen neutral und objektiv, wiederzugeben. Das funktioniert aber nur, wenn man sich seines eigenen Interesses sehr sicher ist und darin Partner auf Seiten des Regisseurs und der Schauspieler hat.

tip Aber ein Theaterabend ist keine „Reader’s Digest“-Fassung, die dem lesefaulen Besucher die Lektüre erspart?
von Düffel Wenn die Zuschauer
der Hamburger „Buddenbrooks“-Inszenierung denken, das sei der Roman, dann ist das natürlich eine Täuschung. In der Adaption geht genau das verloren, was den Reichtum eines Klassikers ausmacht – nämlich dass man ihn in unterschiedlichen Zeiten immer wieder anders lesen kann. Wir zeigen eine Sicht auf den Roman, nicht den
Roman selber. Bei den „Buddenbrooks“ war unser Interesse, eine Genealogie des bürgerlichen Wirtschaftens zu entfalten – samt der Gründe, weshalb kapitalistische Ökonomie in die Zerstörung führen kann.

tip Was hat Sie an Joseph Conrads Afrika-Roman „Herz der Finsternis“ interessiert?
von Düffel Zunächst die Sprache. Conrad ist von Geburt Pole und hat erst als Erwachsener Englisch gelernt. Er geht sehr bewusst mit
dieser fremden Sprache, in der er schreibt, um. Was zunächst einfach wirkt, ist das Ergebnis einer großen Kunstanstrengung. Ein Hauptpunkt war, für Conrads Englisch eine Übersetzung zu finden, die eine Ein­fachheit und Plastizität hat, die auf dem Theater geht.
tip Conrads Erzählung handelt von einer Herz_der_FinsternisReise ins Innerste Afrikas, von einer Reise an den Rand der Zivilisation und von europäischen Bildern und Projektionen der Wildnis. Die Begegnung mit dem Fremden wird zu einer gespenstischen Begegnung mit dem eigenen Verdrängten. Eine berühmte Transformation dieses Stoffes in ein anderes Medium ist Coppolas Vietnam-Film „Apocalypse Now“. War der Film für Sie wichtig?
von Düffel Das ist ein Meisterwerk. Die Bilder, die Francis Ford Coppola gefunden hat, um es mit einem abgegriffenen, aber wahren Wort zu sagen, sind kongenial. Das muss man – und nicht nur neidlos – bewundern. Davon kann man sich, wenn man Conrads Werk bearbeitet, auch nicht wirklich frei machen. Aber der Regisseur Andreas Kriegenburg und ich hatten in der Beschäftigung mit Conrad ein ganz anderes Interesse als Coppola. Conrads Erzählung ist ja im Grunde zur Matrix aller europäischen Afrika-Romane geworden. Coppola überträgt den Stoff auf seine Zeit, auf den Vietnamkrieg, er verwandelt sich Conrads Erzählung an und durchlebt sie. Bei uns hat es eher den Charakter einer Untersuchung, einer Wurzelbehandlung des „weißen Wahns“.

tip Was ist der „weiße Wahn“?
von Düffel All die Vorstellungen und Projektionen der Europäer von Afrika, von der Fremde. „Herz der Finsternis“ ist dezidiert eine von Weißen für Weiße erzählte Geschichte, in der die Probleme der Weißen mit sich selbst und mit der Fremde die Hauptrolle spielen – ein weißer Blick auf diesen schwarzen Kontinent. Das war unser Interesse: Uns an den Wurzeln dieses weißen Wahns abzuarbeiten und die Stereotype, die unser Denken, unsere Wahrnehmung bis heute prägen, zu sezieren. Gleichzeitig ist Conrads Blick auf das Elend, die Verbrechen der Europäer im Kongo, für seine Zeit außergewöhnlich klar – bis hin zur Frage: Wer sind hier eigentlich die Barbaren, die Europäer oder die Afrikaner, wie findet Kolonialisierung statt?

tip Conrads Figuren machen im Kongo Geschäfte mit Elfenbein. Heute wird im Kongo ein Rohstoff abgebaut, ohne den kein Handy funktioniert: Coltan. In einem Teil der Abbaugebiete herrscht Bürgerkrieg. Verkürzt gesagt: Wer ein Handy kauft, finanziert damit unter Umständen Warlords. Haben Sie solche offenkundigen Parallelen zur Gegenwart interessiert?
von Düffel Es ist ja nicht nur Coltan, es ist zum Beispiel auch das Erd­öl in Nigeria. Aber wir wollten nicht plakativ auf die große Dritte-Welt-Pauke hauen. Mit solchen direkten Übertragungen in die Ge­genwart kann man gegenüber Coppolas Film nur verlieren. Wir treten einen Schritt zurück und versuchen anhand der Sprache, der Bilder, die Grenzüberschreitungen nachzuvollziehen, die Conrads Figuren erleben.

Interview: Peter Laudenbach
Foto: Arno Declair

Herz der Finsternis (Termine)
in den DT-Kammerspielen (Adresse/Googlemap); 17.9. (Premiere)

Spielzeitauftakt im DT mit „Öl“ und „Herz der Finsternis“

 


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