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Jonathan Franzen: „Freiheit“

Pappel-WaldsängerHaben Weintrinker ihren Tropfen einmal gefunden, sind sie bei jedem neuen Jahrgang gespannt auf Veränderungen im Bouquet, in der Farbe, im Abgang. Ähnlich gieren die Fans von Jonathan Franzen dem neuen Wurf entgegen: Sie wollen den bekannten Geschmack, aber auch eine neue Note. Der 51-jährige US-Starautor enttäuscht seine Anhänger nicht, auch wenn er sie neun Jahre warten ließ.
Wie bei den „Korrekturen“ hat der Fachmann für Familienfragen auch seinen vierten Roman im Mittleren Westen angesiedelt – diesmal in St. Paul. In der Hauptstadt von Minnesota kamen F. Scott Fitzgerald und der griechische Ministerpräsident Giorgos Papandreou zur Welt, hier hat das Multi-Technologieunternehmen 3M seinen Sitz. Und so bilden Alkoholexzesse, Finanzprobleme und globale Verstrickungen den Hintergrund für die tragikomische Geschichte einer Familie in der Krise. Dabei beackert Franzen die ganze Spanne zwischen Unterleib und Umweltschutz, Bevölkerungsexplosion und Rüstungsgeschäft. Vor allem thematisiert er aber die Freiheit der Vögel und des Vögelns.
Diesmal haben die Hauptpersonen Patty und Walter Berglund nur zwei Kinder (statt drei, wie Enid und Alfred Lambert aus den „Korrekturen“). Ihr perfektes Leben in der Villa am Stadtrand gerät aus den Fugen, als einer nach dem anderen den links-liberalen Kokon verlässt. Der obergrüne Anwalt Walter lässt sich als Umweltunternehmer mit der Ölindustrie ein. Patty, einst Basketballspielerin, entdeckt nach einer Affäre mit Walters bestem Freund einen ziemlich ungesunden Sport: das Trinken. Der halbwüchsige Sohn Joey zieht bei der erzkonservativen Familie nebenan ein, weil er dort leicht zu Sex mit der Tochter kommt. Nur Nesthäkchen Jessica bleibt dem Heim treu.
Wenn Kritiker diesmal Charles Dickens und Leo Tolstoi zum Vergleich heranziehen, macht das nochmal deutlich, wie Franzen erzählt: traditionell, voller Leidenschaft, mit Liebe zum Detail. Great American Novel hin oder her – eines ist dem leidenschaftlichen Hobby-Ornithologen sicher gelungen: Er hat einem bedrohten Vogel, dem Pappel-Waldsänger, zu internationaler Bekanntheit verholfen.

Text: Reinhard Helling

tip-Bewertung: Lesenswert

Jonathan Franzen: „Freiheit“, Rowohlt, 733 Seiten, 24,95?Ђ

 

 

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