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Fotografie

Josef Koudelka bei C/O Berlin

Der Fotograf Josef Koudelka hat seine einzigartige Weise, den Dingen nahezukommen und Abstand zu wahren

© Josef Koudelka / Magnum Photos

Ein Mann steht vor einem Panzer, am linken Arm baumelt die Aktenasche, mit der rechten Hand hält er einen Stein hoch, bereit zum Wurf. Seinen Gesichtsausdruck verrät das Bild nicht, denn man sieht ihn von hinten. Sein Protest wird dennoch deutlich. Die schwarz-weiße Fotografie stammt vom tschechischen Fotografen Josef Koudelka, der am 22. August 1968 den Einmarsch sowjetischer Truppen in Prag mit seiner Kamera festhielt.

Rund eine halbe Million Soldaten des Warschauer Paktes, darunter der Sowjetunion, Polens und Ungarns besetzten über Nacht die strategischen Zentren der damaligen Tschechoslowakei – so auch Prag. Auslöser war das Liberalisierungs-und Demokratisierungsprogramm von Generalsekretär Alexander Dubček, zum dem auch die Aufhebung der Pressezensur gehörte. Das Wissen um den politischen Hintergrund setzt die Ausstellung bei C/O größtenteils voraus. Das Aufbegehren der Bürger gegen die Invasion, deren Widerstand in zivilem Ungehorsam mündete, wird auf Koudelkas Bildern aber auch ohne Erläuterung deutlich.
Koudelka selbst flieht zwei Jahre später nach England und beantragt Asyl. 1971 wird er Mitglied der namhaften Fotoagentur Mag­num. 20 Jahre lang reist er mit seiner Kamera durch Europa und porträtiert Menschen, Tiere, Landschaften.
Im Amerika Haus wird Josef Koudelka erstmals seit rund 30 Jahren wieder eine Ausstellung in Deutschland gewidmet. „Invasion. Exiles. Wall“ präsentiert drei wesentliche Schaffensphasen. Serien, die unabhängig voneinander entstanden sind, aber chronologisch betrachtet werden können.

Die Aufnahmen seines Exils werden unkommentiert ausgestellt, nur Land und Entstehungsjahr erfährt der Besucher. Koudelka zeigt Alltag und Fremde. Stilgebend ist dabei sein immer distanzierter Blick – selbst wenn er vertrauliche Szenen wie eine Beerdigung einfängt. Wer die Menschen auf seinen Bildern sind, ist nicht von Belang: Es sind Fremde. Koudelkas Momentaufnahmen changieren zwischen Licht und Schatten, Abstand und Detail.

Die aktuellste Arbeit von Koudelka ist die Dokumentation der Planung und Entstehung der israelischen Mauer im Westjordanland. Dorthin reiste er zwischen 2008 und 2012. Entstanden sind Panoramen von Stacheldraht und Beton in wilder Landschaft. Bei C/O säumen die Fotografien eine symbolische Mauer, die zentral im Raum steht. So wird das Sujet auf beklemmende Weise transportiert – und ein weiteres persönliches Thema Koudelkas wird deutlich: Das Streben nach Freiheit.

Im C/O-Obergeschoss steht das Gegenprogramm: Während Koudelkas Fotografien tiefgreifende Einblicke erlauben, wird mit „Optical Illusions“ und „Still Life“ der Blick auf die Oberflächen alltäglicher Dinge gelenkt. Was bei Koudelka die Dokumentation historischer Momente ist, ist in den flankierenden Schauen Fotografie in Zuckerwatte: geometrische Formen und Linien, die in der flächigen Darstellung beinahe grafisch wirken. Spielerein, die auf den ersten Blick – und erst recht im Vergleich zu Koudelkas Exil-Realismus – harmlos wirken. Einen gemeinsamen Nenner haben alle drei Ausstellungen allerdings: Es geht um den Alltag und seine Gegenständlichkeit. Nur der Blick darauf ist ein anderer. Die Veränderung dieser Parameter, durch gesellschaftliche und politische oder kommerzielle Einflüsse, ist in der unterschiedlichen handwerklichen Herangehensweise der Fotografie implizit. Und so wird im Amerika Haus aufs Neue die Freiheit der Fotografie gefeiert.

C/O Berlin Amerika Haus Hardenbergstr. 22 – 24, Charlottenburg, tgl. 10 – 20 Uhr, bis 10.9.

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