• Kultur
  • Jürgen Flimm über Salvatore Sciarrinos „Luci mie traditrice“

Interview

Jürgen Flimm über Salvatore Sciarrinos „Luci mie traditrice“

„Wir machen auf, auch wenn die Kabel noch aus den Wänden hängen“ – Jürgen Flimm über Salvatore Sciarrinos „Luci mie traditrice“ („Die tödliche Blume“)  und über die Umbrien-Fraktion der internationalen Oper.

Luci mie traditrice
Foto: Andy Tasher

tip Herr Flimm, an der Staatsoper bringen Sie mit „Luci mie traditrice“ bereits das fünfte Werk von Salvatore Sciarrino heraus. Er ist derjenige zeitgenössische Komponist, hinter dem Sie am stärksten stehen?
Jürgen Flimm Ja, weil er so gut ist. Und weil er für mich einen letzten Zipfel jener Komponisten repräsentiert, mit denen ich noch gut befreundet war und die lange schon nicht mehr da sind: Luigi Nono, den ich oft in Venedig besuchte, und Bernd Alois Zimmermann, den ich gleichfalls sehr gut gekannt habe.

tip Was ist so interessant an Sciarrino?
Jürgen Flimm Sein Interesse am Entstehen des Klangs – aus der Nullstellung und aus dem Nichts heraus. Er ist auch ein großer Kenner alter Musik und hat zahlreiche Madrigale übermalt. Er ist Sizilianer. Man merkt manchmal, dass ihm Afrika näher liegt als Mailand.

tip „Luci mie traditrice“, uraufgeführt 1998, ist eine Gesualdo-Oper. Muss man das wissen?
Jürgen Flimm Wer es nicht weiß, für den sieht es aus wie „Szenen einer Ehe“. Geht auch. Gesualdo erwischt seine Frau mit deren Lover, worauf er beide wie mit einem Schaschlik-Spieß durchstößt. Sehr schöne Musik. Ähnlich wie bei Wagner, geht der Text mit der Musik eine sehr enge Beziehung ein. Es sind freilich Surrogate von Texten, bei denen Sciarrino die unheimliche Geschichte sehr geschickt verbrämt und sublimiert hat.

tip Schon Ihre erste Operninszenierung 1978, Nonos „Al gran sole“, galt einem Werk der Neuen Musik. Ist Ihnen die näher als
Mozart!?
Jürgen Flimm Sie war früher da! Schon als Pennäler bin ich in Köln zur Neuen Musik gepilgert. Die Klassikvorlieben meines Vaters reichten über „des Führers Lieblingsmusik“, Anton Bruckner, nicht hinaus. Meine Mutter sang in der Kirche schön laut – und falsch. Mozart habe ich erst wirklich durch Nikolaus Harnoncourt kennengelernt. Stattdessen bekam ich früh Kontakt zu Stockhausen, zu Nam June Paik und Wolf Vostell. Anfang der 1960er Jahre warfen die einen völlig neuen Blick auf die Musik. Mit Vostell bin ich sogar einmal gemeinsam aufgetreten, in einem Fluxus-Stück von Dick Higgins.

tip Wie sah das aus?
Jürgen Flimm Weiß geschminkt, weißes Pullöverchen und dunkle Strümpfe. Ich habe Papier zerrissen. Nach den piefigen 1950er Jahren bedeuteten die Fluxus-Aktionen eine große Befreiung. Es war die Zeit, als in Köln der Skandal einer ‚Mischehe’ noch darin bestand, dass ein Teil katholisch und der andere evangelisch war. Ins Theater ging man nur im Abendkleid und im schwarze Anzug.

tip Ihre privaten Verbindungen zur Neuen Musik zeigen sich auch daran, dass Sie in der Toskana Nachbar von Sciarrino sind?
Jürgen Flimm Nicht in der Toskana, sondern in Umbrien. Ich habe vor 30 Jahren, als man es noch bezahlen konnte, dort ein kleines Bauernhäuschen gekauft. Bei einem Musik-Festival im nahen Città di Castello saß ich nach einem Konzert neben einem bärtigen Herren, der gut Deutsch sprach, was mich erleichterte. Es war ­Sciarrino, der dort lebt. Daraus hat sich eine Freundschaft entwickelt. Auch Markus Lüpertz und Pierre Audi wohnen dort, ebenso Terry Gilliam und Tony Pappano. Wenn wir zusammen sitzen, bringen wir in 3 ½ Stunden die gesamte Opernszene in Ordnung.

tip Am 3. Oktober 2017 kehren Sie in den Altbau der sanierten Staatsoper zurück. Was, wenn die doch nicht fertig werden?
Jürgen Flimm Dann werden am Eingang eben Helme verteilt. Wir machen auf! Auch wenn die Kabel noch aus den Wänden hängen.

Staatsoper im Schiller Staatsoper Bismarckstraße 110, Charlottenburg, So 10.7., Di 12.7., Mi 13.7., Fr 15.7., Sa 16.7., jeweils 19.30 Uhr, Eintritt 15–68 €

Mehr über Cookies erfahren