Stadt-Aktivisten

Kämpfen für immer

Sie haben Berlin zur Hauptstadt der Alternativkultur gemacht – und stehen immer noch an vorderster Front: Kämpfer*innen für Queers und Freiräume, gegen Nazis und Mieterhöhungen, die alle jenseits der 60 sind. Und die Stadt hat sie nötiger denn je

Mahide Lein (roter Overall), daneben Juppy Becher, Kurt Jotter, Irmela Mensah-Schramm: Frontkämpfer*innen der Westberliner Subkultur. Foto: David von Becker

Mahide Lein hat ihr Lieblings-Outfit abgegeben. An eine Schaufensterpuppe. Die Puppe steht in einem Glaskasten, trägt einen Leopardenanzug, über der Schulter eine Schärpe aus Schlangenhaut und um die Taille eine goldene Gürtelschnalle in Form eines zweidimensionalen Globus. „Das kann ich jetzt dreieinhalb Monate lang nicht mehr anziehen“, sagt Lein. Bis auf den Gürtel, der ist nur eine Replik. Das Original trägt Mahide Lein, während sie vor der Puppe steht.

Das Outfit ist Teil der Ausstellung „Sex im Alter“ im Schwulen Museum, sie ist eine Hommage zum 69. Geburtstag der lebenslangen Vollzeitaktivistin. Lein kämpft für Sexarbeiter*innen, Psychiatrieerfahrene oder ein freies Tibet. Gegen Genitalverstümmelung und Homophobie. Sie leitet eine Künstleragentur, veranstaltet einen Gesprächssalon, Kulturevents und Konzerte. Dass sie dabei oft draufzahlt, ist es ihr wert. „Ich will, dass alle Menschen glücklich sind“, sagt sie. Ihr aktuelles Hauptanliegen: die Welt für das Thema Sex im Alter zu sensibilisieren. Auf dem Christopher Street Day hielt sie in diesem Jahr eine Rede dazu. Sex ist ihr heilig: „Mein Orgasmus fühlt sich an wie ein unsichtbarer Faden, der vom Kopfende bis zum Universum reicht “, sagt sie.

Unermüdliche Aktivistin

Es gibt viele wie Lein. Frontkämpfer der West-Berliner Avantgarde, die nicht daran denken, aufzugeben, bloß weil sie älter werden. Und das ist auch wichtig. Denn die Rechte und Freiheiten, die seit 1968 für Frauen, Freigeister, Freaks, Schwule und Lesben erkämpft wurden, sind nicht gesetzt. Sondern durch totalitäre Bewegungen unter Druck. Der gesellschaftliche Konsens ist ein ständiger Aushandlungsprozess. Die Seite, die sich ausklinkt, verliert.

Mahide Lein hält durch. Zielstrebig zieht sie durch die Ausstellung, die an sie und ihren Kampf  erinnert. Vorbei an buddhistischen Gebetsfahnen und der Flagge Tibets. Sie will über das Schicksal des von China besetzten Landes aufklären. Gemeinsam mit Nina Hagen hat sie Veranstaltungen dazu organisiert. In einer Vitrine liegen Flugblätter in kyrillischer Schrift vom ersten Christopher Street Day in Russland, den sie 1992 mitorganisierte. An die Wand sind Dias aus den 80ern projiziert – Bilder von wilden Partys, Frauen mit grell geschminkten Gesichtern und Haarspray-Frisuren bei „Pelze Multimedia“, Leins damaligem Ladies-Only-Treff für Kunst, Kaffee und frei gelebte Sexualität.

Mahide Lein zog der Liebe wegen von Frankfurt am Main nach Berlin. Hier wirkte sie mit am Frauentreff Kaffee Winterfeldt, 1986 dann das legendäre PELZE-multimedia: Kaffee, Kunst, Kuchen, Sexpartys und Darkroom – Ladys only, versteht sich. Sie unterstützte die Frauen-Sommeruni, war Jury-Mitglied des queeren Berlinale-Preises Teddy und gründete die erste lesbische Fernsehshow überhaupt: „LÄSBISCH-TV“. 1996 reiste sie nach Simbabwe – wieder der Liebe wegen. Dort drehte sie mit Sue Maluwa-Bruce den Film „Send me a Postcard Sometimes“, sprach mit Sexarbeiter*innen und Homosexuellen. Seitdem macht sie sich für deren Rechte dort stark. 1995 gründet sie ihre Konzertagentur AHOI – und veranstaltet bis heute Konzerte mit Künstler*innen aus aller Welt. Ihre Ausstellung „Sex im Alter“ ist noch bis zum 25. Februar 2019 im Schwulen Museum zu sehen.
Mahide Lein, CSD 1995 (c) Anke Rixa Hansen

Die Aktivistin – weißblonder Iro, braune Fake-Fellweste – lebt seit 41 Jahren in ihrer Kreuzberger Altbauwohnung. Hier fanden schon wilde Partys und Aktivistenplena statt. Im Flur an der Wand hängen Kapitänsmützen, in der Ecke lehnt das Plastikbein einer Modepuppe. „Das ist mein Geldbein“, sagt sie. Auf Demonstrationen und Veranstaltungen sammelt Mahide Lein darin Spenden für Projekte und sich selbst. Sie hat 4.000 Euro Schulden beim Finanzamt. Auch ihren Freunden muss sie Kredite zurückzahlen.
Die Grundsicherung, von der sie lebt, reicht gerade zum Leben. „Ich lebe über meine Verhältnisse, habe es aber gerne so, wie es ist“, sagt sie. In den 80er-Jahren sah ihre finanzielle Situation noch ganz anders aus: Von ihren Eltern erbte sie ein Wohnhaus, sie verkaufte es, finanzierte mit dem Erlös feministische Projekte und half Freunden aus. „Heute sucht die Mäzenin eine Mäzenin“, sagt sie.

Ein alter Freund von ihr, Wolfgang ­Theis, hat die Ausstellung im Schwulen Museum organisiert. „Es ist wichtig, dass ältere Menschen aus der früheren Szene ihr Leben dokumentieren“, sagt Lein.
Dass Berlin heute eine Stadt ist, deren Freiräume weltweit berühmt sind, verdankt die Stadt auch Mahide Lein und ihren Mitstreitenden. Der Subkultur der 70er-und 80er-Jahre. Knapp 30 Jahre nach Mauerfall ist die Geschichte vom wilden West-Berlin so populär wie nie. Das Narrativ des hedonistischen Berlins wirkt attraktiv auf Touristen und hochqualifizierte Berufsanfänger aus aller Welt. Die Geschichten von jungen Menschen, die sich im abgeschnittenen West-Berlin Räume erkämpften und sie mit Leben und Kultur füllten, wecken Sehnsüchte.

Eine 40-jährige Hippie-Utopie

Und einige dieser Räume gibt es ja sogar noch. Josef „Juppy“ Becher – lange Haare und schwarzer Schlapphut – ist 70 Jahre alt und lebt seit fast 40 Jahren für einen Gebäudekomplex: die ufaFabrik. Becher hat vor zwölf Jahren seine Biografie als Buch herausgebracht, Titel: „Aus dem Leben eines Revoluzzers“. Heute sieht er sich als „Kulturimpressario“ des im Juni 1979 von ihm und anderen Kreuzberger Kommunarden besetzten Geländes.

18.600 Quadratmeter umfasst die ehemalige Filmfabrik am Ufer des Teltowkanals. Die Besetzer haben darauf eine kleine Stadt in der Stadt gegründet, mit Kinderbauernhof, Freier Schule, Naturkostladen, Biobäcker, Tanz, Theater, Kampfkunst, Konzerten, Kinderzirkus: alles selbstverwaltet. Der Strom kommt aus Sonnenkollektoren und von einem Blockheizkraftwerk, viele Dächer sind grün.

Als Josef „Juppy“ Becher mit 14 Jahren auf einem katholischen Internat war, schubste ihn der Direktor gegen einen Heizkörper – weil er zu „Twist and Shout” von den Beatles getanzt hatte. Seitdem ließ er seine roten Haare wachsen. In der Kreuzberger Oranienstraße lebte Becher mit seiner Großkommune auf zwei Fabriketagen. Bald kam ein Kulturzentrum an der Kurfürstenstraße dazu, mit Aikido, Pantomime, der ersten Lebensmittelkooperative Berlins – und einem Zirkus. Am 1. April 1978 lud Becher zur ersten, rappelvollen Vorstellung ins Künstlerhaus Bethanien: mit Artisten, der Band Teller Bunte Knete und einem Zauberer. Am 9. Juni 1979 annektierte man das Gelände der heutigen ufaFabrik. „Herzlich willkommen“ hissten die Besetzer über dem Eingang. Foto: David von Becker

Der Aktivismus der Bewohner und Helfer hat sich ausgezahlt. Das Gelände ist wie eine seltene Blume, eine kleine Hippie-Utopie, die es bis ins Heute geschafft hat. Becher wohnt mit rund 40 anderen Leuten hier. Vor Kurzem hat er mit ihnen seinen 70. gefeiert. „Die Feier war großartig“, sagt er und freut sich schon auf das 40-jährige ufa-Jubiläum im nächsten Jahr.

Offiziell ist Juppy Becher Rentner. Aber er sieht so aus, als hätte ihm das noch keiner gesagt. In diesem Jahr organisiert er das 32. Kinder-Zirkusfest. „Und sonst bin ich wie die Feuerwehr: Immer da, wo ich gebraucht werde“, sagt er. Becher bekommt 680 Euro Rente im Monat. „Zum Glück helfen wir uns hier alle gegenseitig“, sagt er. Wie Mahide Lein lebt auch Becher am Existenzminimum. Doch so wie sie hat er sich eine Nische geschaffen, in der er als Freigeist existieren kann, ohne vom Kapitalismus verdrängt oder in Form gebracht zu werden.

Nicht allen erging es so gut.

Tabea Blumenschein, 66, war Mitglied der Konzept-Punk-Band „Die Tödliche Doris“, eine Ikone der linken Bewegung im Mauer-Berlin. Mit der Wende wurde es stiller um sie. Blumenschein war zwischenzeitlich obdachlos und schlief in Wohnungslosenheimen für Frauen, jetzt lebt sie in einer Plattenbausiedlung in Marzahn von Hartz IV. „Bestimmte Existenzen sind in dieser Gesellschaft nicht vorgesehen“, sagt Wolfgang Müller, 61, Bandkollege und Freund von Blumenschein. Tabea Blumenschein ist Müllers Kampf, er will ihr Erbe bewahren und ein neues Album mit ihr aufnehmen. Müller sitzt in einem kleinen Café an der Adalbertstraße in Kreuzberg. Menschen unterhalten sich ausgelassen, die Espressomaschine zischt. Aus einer roten Stofftüte, auf der eine weiße Skizze zu sehen ist, zieht Müller Postkarten heraus. Sie sind mit Blumenscheins Zeichnungen bedruckt, auch die Skizze auf der Tüte ist von ihr. Müller hat noch mehr Blumenschein-Bilder in einem Buch dabei. Eine Buntstiftzeichnung zeigt eine Figur mit skelettähnlichem Körper, wilden Haaren und weit aufgerissenen Augen.

Nackte Männer auf der Bühne

Müller lernte Blumenschein, damals Schauspielerin und Model, in der Szenekneipe „Anderes Ufer“ in Schöneberg kennen. Die Hauptrolle in Ulrike Oettingers Film „Bildnis einer Trinkerin“ hatte sie 1979 zum West-Berliner Star gemacht. In der Kneipe zeigte sie Müller die Modestrecke, die sie für die deutsche Ausgabe von Andy Warhols „Interview“-Magazin gezeichnet hatte. „Ihre Frauen waren zu dick oder zu dünn, hatten nur ein Bein oder waren mit Roten Sternen oder Hakenkreuzen bekritzelt“ sagt Müller. Ihr provokanter Stil beeindruckte ihn.

Von 1982 bis ’84 schrieb Blumenschein Texte und entwarf Kostüme für die Band. Während der Shows trugen die Männer orangefarbene Kleider, manchmal zogen sie sich ganz aus. „Auf der Bühne sind selten Männer nackt, meistens sind es die Frauen – wir haben das umgedreht“, sagt Müller.

Blumenscheins Geschichte steht für die von vielen älteren Linken. Wer sich sein Leben lang in sozialen Projekten engagiert hat, hat kaum Rentenansprüche und im Fall von Verdrängung keine Chance mehr, in der Innenstadt eine neue Wohnung zu finden.

1980 gründet der Kunststudent Wolfgang Müller zusammen mit seinem Kommilitonen Nikolaus Utermöhlen das Bandprojekt Die Tödliche Doris – ein Phänomen der West-Berliner Subkultur und Punk-Avantgarde. Die wilden Kostüme der Künstlerin Tabea Blumenschein, dadaistische Texte und fremdartige Musik bestimmen die Shows. Nicht um die Künstler, um die Form soll es gehen, Werte wollen sie umkehren. Der Höhepunkt wird am 4. September 1981 beim Festival Genialer Dilletanten (sic!) im Tempodrom erreicht, bei dem auch Die Tödliche Doris spielt. Müller gibt später das Buch „Geniale Dilletanten“ heraus, das die Szene beschreibt. Nachdem sich die Band 1987 auflöst, beschäftigt er sich unter anderem mit einem Fledermaus-Kunstprojekt, später geht er nach Island. Dort ist er auch heute noch gern.
Performance der Tödlichen Doris in Helgoland, 1983. F0to: Richard Majchrzak/Archiv der Tödlichen Doris

Müller selbst dagegen hat die Jahre seit dem Ende der Band ganz gut überstanden. Er arbeitet an verschiedenen Kunstprojekten und hat ein Buch über die West-Berliner Szene geschrieben, „Subkultur West-Berlin 1979–1989“, das 2013 erschien. Er lebt in einer kleinen Kreuzberger Altbauwohnung zur Miete.

Anders als Müller wohnt Juppy Becher weiterhin in seiner gemütlichen Kommune. An die robusten Tische in der Küche der ufaFabrik passt die ganze Belegschaft. Ein paar Käsestangen liegen zerkrümelt auf einer der Tischplatten, der Kühlschrank surrt leise.

In den frühen Jahren der ufaFabrik aßen hier immer alle gemeinsam – und dann wurde musiziert. Die Bewohner teilten sich zu dritt, viert oder fünft ein Zimmer mit Schlafsäcken auf dem Boden, in einer gemeinsamen Kasse sammelten sie ihr gesamtes Geld. Schon 1979, im ersten Jahr, wurde die Besetzung legalisiert. Inzwischen betreiben und veranstalten 500 Menschen das Angebot der ufaFabrik, die 40 Bewohner haben mittlerweile eigene Wohnungen.

Juppy Becher zündet sich eine selbstgedrehte Zigarette an, dann wischt er Krümel vom Tisch. Er ist mit 20 Jahren nach West-Berlin gezogen und hat sein Architekturstudium abgebrochen, um die Revolution voranzutreiben. So wie Becher ging es vielen: Die Stadt bot einen einzigartigen Freiraum, den junge Menschen gestalten konnten. Und niemand musste zur Bundeswehr.

Hanno Hochmuth, 41, Historiker im Zentrum für zeithistorische Forschung in Potsdam, erforscht die Geschichte Berlins zu Zeiten der Mauer. „Es gab viel billigen Wohnraum”, sagt er. Viele Altbauten in Kreuzberg dämmerten vor sich hin, wurden nicht genutzt, aber auch nicht abgerissen. So konnten junge Menschen unverhältnismäßig günstig wohnen. Und durch den vielen gemeinsam genutzten Platz sammelten sie neue Wohnerfahrungen – wie eben auf dem ufaFabrik-Gelände in Tempelhof. Zarte Pflänzchen der einvernehmlichen Selbstorganisation. „Eigentlich herrschte in weiten Teilen von West-Berlin damals kein Kapitalismus“, sagt Hochmuth und lächelt. In der anonymen Großstadt wählten die jungen Menschen ihre Beziehungen selbst – anders als daheim in der Provinz. Ihre Wohngemeinschaften und sozialen Gruppen waren teils politisch, oft aber auch hedonistisch motiviert. Dieses Wechselspiel von Öffentlichem und Privatem prägte die Kiezstruktur. Der Kiezbegriff steht in Berlin für die Wiederentdeckung der Altbauten, positiv konnotiert ist er erst seit den 70er-Jahren. Hochmuth hat das erforscht und ein Buch dazu geschrieben, „Kiezgeschichte“ heißt es.

1977 verfasste Jotter eine Art Manifest: „Das Lachen im Halse“. Darin hielt er fest, warum für seine Arbeit als Künstler der Humor wichtig ist – und drehte ein Dario-Fo-Zitat weiter: „Es gibt sowas schön Erhabenes, über seine Beherrscher zu lachen – schließlich wird es ein Lachen sein, das sie begräbt.“ Im selben Jahr gründete er mit Barbara Petersen die Vorgängergruppe des Büros für ungewöhnliche Maßnahmen, die FDGÖ. Dort experimentieren beide mit ihrem Konzept der „Realmontage” und kreieren Uninstallationen. Für die Aktion „Berlin wird helle”, mit der sie 1987 gegen die Aufhebung der Mietpreisbindung protestierten, projizierten sie Silhouetten auf 200 Fassaden und Baugerüste – die sahen wie Haifische oder wütende Demonstranten aus. Foto: Chronological Monochrome Archive

Heute ist „Kiez“ zum Schlagwort geworden, um Stadtviertel zu vermarkten. Dass die einst einsturzgefährdeten Altbauten nach ihrer Sanierung einmal zum Luxusobjekt werden würden, hat von den Kommunarden wohl kaum einer geglaubt.

1980, ein Jahr nach der ufa-Inbetriebnahme, besetzte eine Kreuzberger Gruppe ein anderes, leerstehendes Fabrikgebäude: das „Kerngehäuse“ nahe der Cuvrybrache. Unter den Besetzern war auch Kurt Jotter, Künstler, 68. Er wohnt immer noch dort. 1983 kaufte die Gruppe das 4.000 Quadratmeter große Gelände für 800.000 Deutsche Mark. Gemeinsam zahlen die Bewohner bis heute den Kredit für das Haus ab. Durch verwinkelte Hinterhöfe, deren Backsteinwände mit Ranken bewachsen sind, gelangt man in Jotters Atelier. Der Fußboden und die vier Holzstühle um den runden Esstisch: alles schwarz-weiß kariert. In Regalen stapeln sich Posterrollen aus verschiedenen Jahrzehnten.

Der Anti-Kreuzberger Schutzwall

Jotter hat früher Plakate für die linke Szene designt und sie auf Demonstrationen verkauft. „Wir sind mit bedrucktem Papier zu den Demos gefahren und mit Scheinen zurückgekommen“, sagt er. Streckenweise verdienten Jotter und seine inzwischen verstorbene Mitstreiterin Barbara Petersen mit einem Einsatz 1.000 Mark, damals für sie viel Geld.

Sie brauchten ja auch nicht viel zum Leben, also konnten alle Künstler sein. Die Künstlerdichte war vermutlich nie wieder so hoch wie in Kreuzberg, West-Berlin. Jotter und Petersen wurden lokal berühmt, als sie zum Besuch des amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan in West-Berlin 1987 eine Mauer aus Holz und Pappe auf der Kottbusser Brücke errichteten. Sie verteilten Passierscheine an Autofahrer, die den „Anti-Kreuzberger Schutzwall“ durchqueren wollten. Jotter, in Frack, Zylinder und mit Deutschland-Schärpe, hielt eine Rede. Da die Aktion so erfolgreich war, gründeten sie daraufhin ihr Kunstprojekt „Büro für ungewöhnliche Maßnahmen“. Einen Monat später, am 25. Oktober, zur 750-Jahr Feier Berlins, organisierte die Gruppe die B-750 Parade, eine Gegenveranstaltung. Es kamen 30.000 Menschen.

Ab den frühen 90er-Jahren veranstaltete Jotter nur noch wenige Aktionen. Aber seit 2013 hört man wieder mehr von ihm: Mit dem „Bündnis der Deutsche Wohnen MieterInnen Berlin“ und im „Mietenwahnsinn-Demobündnis“ engagiert er sich gegen teure Sanierungen und Mieterhöhungen, läuft auf Demonstrationen mit und designt Logos, Kunstinstallationen oder Kostüme: ein Besessener, der immer brennt, nie aufgibt.
Es gibt noch eine alte Kämpferin, die weiterhin die Fahne hochhält: die 73-Jährige Irmela Mensah-Schramm. Sie ist allerdings weniger für alte Kämpfe berühmt, sondern vor allem für das, was sie bis heute tut. Grob gesagt handelt es sich um Sachbeschädigung. Irmela Mensah-Schramm übersprüht und -kritzelt deutschlandweit Nazigraffiti und schabt rassistische Aufkleber ab. Die Medien feiern sie als „Antifa-Oma“ und Putz-Heldin, die sich mit dem Gesetz anlegt und ihr Tun für selbstverständlich hält.

1975 zog Mensah-Schramm für eine heilpädagogische Pflegeausbildung im Kreuzberger Bethanien nach Berlin. So kam sie in Kontakt mit der hiesigen Hausbesetzerszene. Sie demonstrierte gegen Polizeigewalt und für linke Ideale, wurde mehrfach verhaftet und warf sogar einen Stein auf einen Polizisten, der einen verletzten Demonstranten schlug – das war aber eine Ausnahme. „Friedlich zu sein war immer mein Ziel, auch wenn ich Pfeffer unterm Hintern hab“, sagt sie.

In ihrer Dachgeschosswohnung in Wannsee sammelt Irmela Mensah-Schramm seit 32 Jahren Nazisticker und Fotos von Hassparolen – knapp 30.000 hat sie mittlerweile. In den 80ern demonstrierte sie viel mit der Öko- und Friedensbewegung. Mit der Bahn reist sie durch ganz Deutschland. Wo es besonders viele Nazisticker gibt? Mensah-Schramm nennt Halberstadt, Dresden, Dortmund oder Oschersleben. Dort sei es besonders schlimm gewesen. Für das nächste Jahr wünscht sie sich eine „Bahncard100“ – denn die Fahrten gehen dann doch ins Geld.

Dabei legt Mensah-Schramm bereits seit 32 Jahren herzhaft Hand an rechtsextreme Graffiti und Sticker. Nie verlässt sie das Haus ohne Schaber, Sprühdose, Nagellackentferner und Fotoapparat. Zuhause in Wannsee dokumentiert sie ihre Funde in mittlerweile 106 Ordnern: Sticker von neuen und alten Rechten, Identitären, NPD, Jungen Nationalisten. Graffiti übersprüht sie, verändert Parolen wie „Merkel muss weg“ zu „Merke! Hass weg“ und malt Nazisymbole zu Herzen um. Dadurch macht sie sich nicht nur Freunde: Oft sprechen Passanten sie auf ihre Arbeit an, manche rufen die Polizei. Für das „Merke! Hass Weg“-Graffiti musste sie sich vor Gericht verantworten, das Verfahren wurde schließlich eingestellt. Auch Nazis kennen Mensah-Schramm mittlerweile, schon oft wurde sie bedroht und attackiert. Als sie am 27. Mai dieses Jahres gegen einen AfD-Aufmarsch in Berlin demonstrierte, wurde sie prompt festgenommen. Mit ihrem Plakat, auf dem „A – Abartig, f – fies, D – Dämlich” stand, stellte sie sich friedlich zwischen die rechten Demonstranten. Die Polizei warf ihr vor, einen Platzverweis ignoriert zu haben.

Dabei, sagt Schramm, hatte sie sich mit dem Anti-Konflikt-Team der Polizei abgesprochen. Wie eine Verbrecherin sei sie behandelt worden: Die Polizei hätten ihr Handschellen angelegt, ihre Fingerabdrücke genommen, sie fotografiert. „Meine Hände waren danach ganz rot und geschwollen“, sagt Mensah-Schramm.

Bunte Farben gegen braune Parolen

Gleichzeitig ist Irmela Mensah-Schramm für ihre Arbeit vielfach ausgezeichnet worden, gerade erst erhielt sie die „Friedenstaube” von Kirchheimbonlanden in Rheinland-Pfalz. Das Bundesverdienstkreuz, das sie 1994 erhielt, gab sie allerdings sechs Jahre später wieder zurück – weil Heinz Eckhoff, CDU-Politiker und früheres SS-Mitglied, ebenfalls mit der Medaille geehrt worden war.

Ihre Sticker- und Fotosammlung hat Mensah-Schramm schon mehrfach ausgestellt, unter anderem letztes Jahr in der Urania und 2016 im Deutschen Historischen Museum. In ihrem Workshop „Mit bunten Farben gegen braune Parolen“ gibt sie ihre Botschaft auch an Kinder und Jugendliche weiter. Dafür bringt sie Ausdrucke von Hassparolen mit, die die Teilnehmer mit Buntstiften zu freundlichen Aussagen verändern sollen. „Der Mensch ist leider viel empfänglicher für Negatives – daher brauchen wir mehr positive Botschaften”, sagt Mensah-Schramm.

Irmela Mensah-Schramm hat noch viel vor. So wie all die alten Kämpfer, die wir für diese Geschichte getroffen haben, ist sie nicht bereit, freiwillig aufzugeben, sie wird nicht einmal ruhiger mit dem Alter. Sie kämpft weiter, auch wenn man ihr Steine in den Weg legt – und das, solange sie die Kraft dazu hat. Am Willen wird es ihr nie fehlen.

Denn der Kampf für die gute Sache hört nicht auf. Niemals. Er geht immer weiter.

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