Kultur

Karen Duve im Interview

Karen Duve

Ein Gespräch über den Abschied von der Grillpfanne, Stromstöße für Gänse, veganes Katzenfutter und nackte Mönche.

tip Frau Duve, Sie haben sich für Ihr neues Buch im Selbstversuch zwei Monate bio, zwei Monate vegetarisch, vier Monate vegan und zwei Monate frutarisch ernährt. Sind Sie jetzt mit sich im Reinen?
Karen Duve (Pause) Fast. Ich bin manchmal noch ziemlich zerrissen zwischen dem, was ich möchte, und dem, was ich sollte. Mit dem, was ich tue, bin ich eigentlich ganz zufrieden, halte das aber durchaus noch für verbesserungswürdig.

tip Wenn wir kurz mal einen Ihrer besonders strengen Speisepläne fürs Protokoll festhalten dürfen: Morgens zwei Bananen und eine halbe Melone. Mittags Erbsen und Tomaten in Kokosmilch. Abends Erbsen und Tomaten in Kokosmilch. Und zwischendurch Äpfel, Äpfel und Äpfel. Machen Sie künftig so asketisch weiter?
Karen Duve Erbsen in Kokosmilch klingt vielleicht widerlich, ist erstaunlicherweise aber ganz gut.

tip So widerlich finden wir das nun auch wieder nicht.
Karen Duve Aber beneiden werden Sie mich auch nicht gerade. (lacht) Obwohl … – als ich fast nur noch Früchte und Gemüsefrüchte aß, habe ich mich erstaunlich gut gefühlt, kaum zu bremsen. Alles andere, also gerade Fleisch, weiß man ja, macht müde. Das Kohlenhydrate-Zeug auch. Auf Dauer wäre mir die frutarische Ernährung allerdings zu hart. Ich bin ja noch nicht einmal Veganerin geworden, obwohl ich das für die ethisch überzeugendste Ernährungsform halte.

tip Wie sind Sie überhaupt auf die Idee zu dem Buch gekommen?
Karen Duve Ich frage mich eher, wieso ich es erst so spät geschrieben habe. Ein Buch über unseren Umgang mit Tieren wollte ich schon seit Jahren machen. Nur habe ich leider selber völlig ignorant und rücksichtslos eingekauft und gegessen, war also denkbar ungeeignet dafür, den moralischen Zeigefinger zu heben. Deswegen habe ich jetzt auch einfach bloß erzählt, wie es mir damit ergangen ist, mal ein paar Monate sehr viel bewusster zu leben, kein Fleisch oder überhaupt keine Tierprodukte wie Milch und Eier zu essen. So gehe ich den Leuten auch am wenigsten auf die Nerven. Die Schlüsse daraus darf dann jeder selber ziehen.

tip Wenn Sie das Buch nicht geschrieben hätten, dann würden Sie also heute noch die Grillpfanne für 2,99 Euro verspeisen?
Karen Duve Ich fürchte: ja. Es ist ja auch nicht so, dass ich das jetzt nicht vermissen würde.

Karen Duvetip Wie der geläuterte Ex-Kannibale, der auf dem Sterbebett seufzt: Verdammt, hat aber schon gut geschmeckt, damals.
Karen Duve Ja, der sich womöglich sogar fragt: War’s das wirklich wert, es sein zu lassen, bloß damit keine Menschen sterben?

tip Was ist es Ihnen denn wert, ein besserer Mensch zu werden?
Karen Duve Es geht mir gar nicht darum, eine blütenweiße Weste zu haben oder der veganste aller Veganer zu sein. Aber ich will auch nicht dazu beitragen, dass sich bei uns Schweine die Gelenke auf Spaltenböden kaputt laufen oder Gänse, an den Füßen aufgehängt, mit dem Kopf durch ein Wasserbad gezogen werden, in das man dann Strom leitet. Und wenn ich das nicht will, dann muss ich halt auf das eine oder andere Lieblingsgericht verzichten.

tip Eine praktische Ethik?
Karen Duve Genau. Wenn man nicht mehr alle zwei Wochen ein Hähnchen isst, sind das 26 Hähnchen weniger im Jahr, die dafür leiden müssen.

tip Das Buch legt eine Selbstverpflichtung zum „anständigen Essen“ nahe. Eine Art sanfter Moralismus. Wie rigoros darf man sein, ohne die Leute sofort abzuschrecken?
Karen Duve Ich sage den Leuten ja gar nicht, was sie tun sollen. Ich sage bloß, wie ich es machen werde. Und selbst dabei habe ich die Latte ziemlich niedrig gelegt und mir nur das vorgenommen, was ich auch garantiert durchhalten kann. Ich will schließlich nicht dabei erwischt werden, wie ich am Ende aus lauter Frust in einer dunklen Ecke heimlich eine Grillwurst hinunterschlinge. Ich kann mir aber auch nicht ernsthaft vorstellen, dass irgendjemand das wirklich gut findet, wenn Hühner in ihrem eigenen Kot aufwachsen und so schnell Gewicht zulegen, dass sie vor Schmerzen kaum noch gehen können. Oder die Schweine, die beim Schlachten nicht richtig abgestochen werden und im Brühbad wieder aufwachen. Das sind ja keine Einzelfälle. Das geht in die Hunderttausende. In jeder einzelnen Minute, die wir hier miteinander reden, werden zwei bis drei Schweine zu Tode gebrüht. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass jemand wirklich will, dass seine Nahrung auf diese Weise hergestellt wird.

tip Hat sich dabei die Art und Weise verändert, wie Sie das Konsum- oder Ernährungsverhalten von anderen Leuten betrachten? Zum Beispiel bei den Leuten, die regelmäßig in den Bio-Laden gehen und denken: Damit ist es dann getan. Essen wir uns unseren Bio-Lifestyle auch irgendwo schön?
Karen Duve Man darf froh und dankbar sein, wenn jemand wenigstens darauf achtet. Und die Wahrscheinlichkeit, dass ein Tier aus Bio-Haltung weniger gequält worden ist als eines aus konventioneller Haltung, ist ja tatsächlich größer. Eine Garantie gibt es allerdings nicht.

tip Ist man da nicht genau bei diesem „momentanen Pseudoteilzeitvegetarismuswischiwaschi-Hype“, den der Tierrechtsaktivist Achim Stößer anprangerte, als Sie ihn für Ihr Buch treffen wollten? Sie nennen ihn den „Strengsten der Strengen“.
Karen Duve Ja, natürlich. Achim Stößer gegenüber möchte ich diese These jetzt auch nicht vertreten. Aber warum soll man jetzt auf denen, die wenigstens ein bisschen nachdenken, mehr herumhacken als auf denen, die das überhaupt nicht tun? Zuerst war ich ja auch geradezu bestürzt, dass Jonathan Safran Foer …

tip … der amerikanische Bestsellerautor hat im vergangenen Jahr mit „Tiere essen“ ein ganzes Buch über den Fleischverzicht veröffentlicht …
Karen Duve … dass Foer den Leuten vorschlägt, wenigstens einen Tag in der Woche kein Fleisch zu essen. Meine erster Gedanke war: Das ist zu wenig! Immerhin stecken wir mitten in einer Klimakatastrophe. Und mit einem fleischfreien Tag pro Woche werden wir diesen Planeten sicher nicht retten. Etwas mehr darf man den Leuten schon abverlangen.

Interview: Erik Heier und Heiko Zwirner

Fotos: Oliver Wolff

Lesen Sie das komplette Interview in tip 02/11 auf den Seiten 22 – 27.

Lesung: Karen Duve & Jonathan Safran Foer, FritzClub am Ostbahnhof, Do 20.1., 20 Uhr

Mehr über Cookies erfahren