Kultur

Kinder des Regenbogens

Kinder des Regenbogens

Jana will die Pferde sehen. Jerome auch. Im Tierpark Friedrichsfelde sind sie mit ihren beiden Papas und dem kleinsten Geschwisterchen im Kinderwagen die erste Familie am Eingang. „Viel Spaß“ wünscht der Mann am Einlass mit einem ehrlichen Lächeln, als er die Dauerkarte checkt. Familienkarte.
Tatsächlich ist das eine typische Situation, in der Regenbogenfamilien öfter infrage gestellt werden: im Zoo. Im Schwimmbad. „Wie? Sie möchten eine Familienkarte? Da könnte ja jeder kommen!“ Kai und Michael Korok, 39 und 44, die beiden verpartnerten Eltern strahlen aber selbstbewusst aus, dass sie nicht mit sich diskutieren lassen, ob sie eine Familie sind. „Wir sind geradezu konservativ“, sagt Kai Korok, niedergelassener Arzt. Im Frühling sind die fünf in ein Einfamilienhaus in Mahlsdorf gezogen. Alles schaut hier nach klassischer Familienidylle aus. Bis auf: dass da zwei Väter sind. Den einen nennen die Kids „Papa“, den anderen „Papi“. Übrigens eine beliebte Lösung bei Regenbogenfamilien.
Leibliche Kinder der Koroks sind Jana und Jerome nicht. Auch keine leiblichen Geschwister. Sie sind Pflegekinder. Für schwule Paare mit Kinderwunsch oft eine gute Alternative zur Adoption. Denn adoptieren können sie bislang nur als Einzelpersonen, nicht als Paar. Und als schwuler Mann in den nächsten sieben Jahren ein Kind adoptieren zu dürfen – diese Chance liegt laut Constanze Körner vom Regenbogenfamilienzentrum lediglich bei drei bis fünf Prozent.
Pflegeelternschaft bedeutet allerdings auch viel Bürokratie: Alle zwei Wochen müssen Kai und Michael wegen eines der Kinder mit dem Jugendamt telefonieren. Einmal im Jahr wird ein schriftlicher Bericht fällig. Neun Monate im Voraus mussten sie sich vom Amt überprüfen und für gut befinden lassen.
Pflegekinder kommen aus Familien, bei denen das Wohl der Kinder dauerhaft gefährdet ist. Constanze Körner vom Regenbogenfamilienzentrum rät schwulen Paaren mit Kinderwunsch zu Pflegekindern. Zwar sind die Kinder dann nicht im vollen Rechtssinn adoptiert, aber es ist extrem unwahrscheinlich, dass sie wieder zu ihren leiblichen Eltern zurück sollen, da diese in aller Regel nicht mehr dazu fähig sind, Kinder aufzuziehen.
Kita-Plätze bekamen die Korok-Kinder übrigens problemlos. Zur Sicherheit haben sie sich vierfach beworben. Die Nonne im katholischen Kindergarten meinte skeptisch: „Sie wissen, dass wir hier für gewisse Werte stehen?“ Hinterher rief sie die Koroks an und bat beherzt: „Kommen Sie doch bitte zu uns!“ Das Highlight im Tierpark sind für Jerome und Jana die trägen Riesenschildkröten: exotisch wie langsam sich manche um sie herum bewegen können, wo sie doch selbst am liebsten umhertollen und Schabernack machen, die beiden Geschwister im Geiste.
„Der CSD ist dafür da, damit auch Männer Frauen liebhaben dürfen und Frauen Männer“, sagt Gustav. Vier Jahre ist er alt und hat da offensichtlich etwas falsch verstanden. Aber die Normalität, die er im engsten Kreise erlebt, ist eben eine andere: Eine Mama hat er und eine Mami. Das sind die Buchautorin Ariane Grundies, 35, und ihre Partnerin Caro Krohn-Grundies, 38, und hauptberuflich Sängerin. Ariane ist Gustavs leibliche Mutter; den Vater haben sie aus dem erweiterten Bekanntenkreis rekrutiert. Gustav sieht ihn regelmäßig, sagt auch „Papa“, empfindet aber Caro und Ariane als seine „Eltern“.
Zu dritt wohnen sie in einem Altbau im queeren Kiez unweit des Nollendorfplatzes. Ariane als Autorin dichtet im Abendmärchen für Gustav aus einem Hetero-Käfer-Paar auch gerne mal zwei Käfermamas. Ariane und Caro haben, wie auch die Koroks, die Erfahrung gemacht, dass selbstbewusstes Auftreten in der Öffentlichkeit hilft. Bloß nicht in die Defensive, sondern mutig voraus. Eine tolle Erfahrung machen sie damit auch in ihrem Kleingarten im gutbürgerlichen Kleinmachnow. Soll niemand denken, dass die Rentner mit Flagge und Gartenzwergen hier nicht weiter denken würden als bis zu ihrem Gartenzaun. Familie Grundies fühlt sich dort ganz herzlich aufgenommen. Schiefe Blicke oder böse Worte? Nein, im Gegenteil.
Kitty Weh, 38, und Jule Hanke, 29, im Prenzlauer Berg können das bestätigten was Berlin angeht. Im Urlaub mussten sie sich durchaus schon wehren gegen Missachtung. Auch in Stuttgart, wo Kitty herkommt, ist der Regenbogen noch keine Normalität. Man denke an die „besorgten Eltern“, die dort kürzlich gegen Schulbücher demonstrieren, in denen Regenbogenfamilien gezeigt werden. Phil ist zwölf und Kittys leiblicher Sohn. Aus einer Hetero-Beziehung, die Kitty davor hatte. Vor dreieinhalb Jahren trat Jule in Kittys und auch in Phils Leben. „Juma“ nennt er sie inzwischen, liebt es mit ihr übers Hockeyfeld zu heizen.
Im ersten Jahr der neuen Familie, gesteht Jule, wusste sie aber doch nicht, wo ihr der Kopf stand – zu sehr wollte sie allen alles recht machen und Phil eine gute Mama sein. Dieses Label gibt er ihr nach wie vor nicht, woran sie offenbar ein bisschen knabbert. Auch wenn es um die Schule oder das Krankenhaus geht oder auch nur darum, am Postamt ein Paket abzuholen, ist sie im Sinne des Gesetzes eine Fremde für Phil. Trotz aller Verantwortung, die sie übernimmt. Letztens fragte der schwule Friseur sie harsch, ob sie etwa die Babysitterin sei. Wenn man in Jules Augen blickt, sieht man, dass sie das verletzt. Denn sie ist stolz. Auf ihre neue Familie.

Text: Stefan Hochgesand

Foto: Privat

Regenbogen Familien Zentrum Das Zentrum ist ein Ort, an dem lesbische, schwule, bisexuelle und transgender Menschen mit Kindern eine Anlaufstelle haben, um Beratungs-, Bildungs- und Gruppenangebote nutzen zu können. Von der Kinderwunsch- zur Krabbelgruppe bis zum Treffen für schwule Väter. Mehr dazu finden Sie hier

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