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Kinder- und Jugendprojekte in finanzieller Bedrängnis

Spätestens seit den schlechten Ergebnissen der ersten PISA-Studie im Jahr 2000 genießt das Thema Bildung auch in Berlin Priorität. Und seit der Mittelstand durch die Globalisierung und Wirtschaftskrise zusätzlich unter Verarmungsängsten leidet, lassen halbwegs bewusste Eltern kaum eine Möglichkeit aus, die Potenziale ihrer Kinder zu fördern. Schließlich, das wissen sie aus Ratgeberbüchern oder Titelgeschichten populärer Zeitschriften, macht den Nachwuchs kaum etwas so schlau wie ausreichende körperliche Aktivitäten oder das Erlernen von Musikinstrumenten. Selbst Gesang, so der Neurobiologe Gerald Hüther, sei eine der „wundervollsten Körperlernübungen“: „Dabei muss das kindliche Hirn die Stimmbänder so virtuos modulieren, dass haargenau der richtige Ton rauskommt. Das ist die feinmotorischste Übung überhaupt und damit eine Voraussetzung für alle späteren, hoch differenzierten Denkweisen.“

Das riesige Interesse an derartiger Bildung spüren auch Berlins öffentliche Musikschulen. Auf deren Wartelisten standen laut Klaus-Jürgen Weber, Präsidiumsmitglied im Landesmusikrat, im Februar 2012 zuletzt rund 10?000 Schüler. Mit weiterhin steigender Tendenz. Dabei hatten die Musikschulen ihr Platzangebot in der Vergangenheit ohnehin schon stark ausgebaut. Besuchten 2005 noch 37?727 Schüler deren musikalische Früherziehungskurse, den Geigen-, Klavier- oder Gesangsunterricht, so waren es im Jahr 2009 bereits 44?800 und, laut Klaus-Jürgen Weber, im Oktober 2011 gar 46?475 Schüler – obwohl die öffentlichen Zuschüsse für diese den Bezirken unterstehenden Einrichtungen im gleichen Zeitraum sanken: 2005 unterstützte die Stadt den Nachwuchs noch mit rund 15,3 Millionen Euro, 2009 nur noch mit knapp 14,7 Millionen Euro.
Dass Kinder und Jugendliche ihre Fähigkeiten aber auch ohne den sanften Schubs durch ihre Eltern in die Musikschulen hinein  aus eigenem Antrieb entwickeln wollen, zeigt der Ansturm auf die meisten Kinder- und Jugendfreizeitstätten Berlins. Zwanglos treffen sie sich dort mit Freunden, treiben Sport, besuchen Graffiti-, DJing- und Breakdance-Workshops oder erlernen dort beliebte Instrumente wie Schlagzeug oder Gitarre. „Zu uns kommen in der Woche rund 1?000 Kinder“, sagt etwa Moritz Kahan, einer der beiden Leiter der Kreuzberger Musikalischen Aktion (KMA) Antenne, einer Jugendfreizeiteinrichtung im sozialen Brennpunkt Mehringkiez.

Wie in den anderen Freizeitstätten, ist – im Gegensatz zu den meisten Musikschulen – auch in der KMA Antenne der Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund hoch. Es sind oft Jugendliche aus beengten Wohnverhältnissen, deren Eltern für privaten Musik- oder anderen Kreativunterricht kaum Geld haben – falls sie überhaupt das entsprechende Angebot der Stadt überblicken. „Bei uns sind die Kurse kostenlos“, erklärt Moritz Kahan. Dass „kostenlos“ nicht „minderwertig“ bedeutet, beweist die große Anzahl an erfolgreichen Künstlern, die in der KMA Antenne ihre musikalischen Wurzeln haben: die Reggae-Band Culcha Candela, die HipHop-Gruppe K.I.Z. oder Ben von den Ohrbooten. Trotzdem wird die Einrichtung finanziell kurzgehalten: „Wir bekommen vom Bezirk die Räume, einen Betriebskostenzuschuss und vier Stellen bezahlt.“ Und auch der Kinderkarneval der Kulturen, dessen Ausrichter die KMA Antenne ist und der jährlich rund 20?000 Besucher auf die Straße lockt, wird mit gerade einmal 5?000 Euro aus einer landeseigenen Stiftung unterstützt. Die restlichen knapp 65?000 Euro muss der Veranstalter über Sponsoren aquirieren.
Doch auch die anderen Berliner Kinder- und Jugendeinrichtungen haben so ihre Sorgen. Die größte Gefahr: Sie könnten geschlossen werden: 1995 gab es noch 470 Kinder- und Jugendfreizeitstätten, 2004 waren es nur noch 377. Dabei leisten sie alle auch kulturell wichtige Arbeit: Die Naunynritze etwa brachte den türkischstämmigen Regisseur Neco Зelik, die Alte Feuerwache die „Voice of Germany“-Gewinnerin Ivy Quainoo und Die Lynar im Wedding die Breakdance-Weltmeister Flying Steps hervor, die längst interdisziplinär tätig sind.

Wie viele Hochschulabsolventen die Berliner Bibliotheken hervorgebracht haben, ist unbekannt. Wer jedoch eine der Bibliotheken besucht, staunt, wie stark sie – auch von Kindern und Jugendlichen aus Einwandererhaushalten – frequentiert werden. Gab es 2006 rund 21,5 Millionen Entleihungen, so stieg diese Zahl 2010 auf knapp 23,6 Millionen – obwohl es nur noch 88 statt zuvor 96 öffentliche Bibliotheken und rund 130?000 weniger Medien gab.
Auch wenn die Hauptstadt in deutschlandweiten Bildungsvergleichen, wie beim Bildungsmonitor 2011, eher auf den hinteren Plätzen liegt – am mangelnden Interesse der Berliner kann dies kaum liegen.

Text: Eva Apraku
Foto: KMA

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