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Patenschaften sind gefährdet

Kinderpatenschaftsprogramme sind gefährdet

Als Krasmira vor vier Jahren mit ihrer Familie von Bulgarien nach Berlin zog, sprach sie noch kein Wort Deutsch. Die Reinickendorfer Schule, in die das Mädchen damals kam, liegt in einer Gegend, die als sozialer Brennpunkt gilt. Dass die inzwischen Elfjährige mittlerweile trotzdem oft für eine deutsche Muttersprachlerin gehalten wird, zeigt, wie aufgeweckt das Mädchen ist: Kinderärztin, sagt sie, will sie später mal werden. Kristina, 25, findet diese Idee prima und möchte Krasmira Mut machen. „Vielleicht besuchen wir demnächst eine Kinderärztin“, schlägt die Studentin der Archäologie dem Mädchen vor, „damit sie dir von ihrem Beruf erzählen kann.“
Krasimira und Kristina sind eines von rund 1?000 Berliner „Tandems“, die sich durch ein Kinderpatenschaftsprogramm, in diesem Fall durch den Verein Kein Abseits! kennengelernt haben. Die Idee dahinter ist überzeugend: Paten, also Erwachsene, die ehrenamtlich Zeit mit einem Kind verbringen möchten, treffen sich regelmäßig, meist einmal wöchentlich mit Kindern, deren Familien sich eine begleitende Person zur Unterstützung wünschen. Es sind Familien wie die von Krasmira, die alle Kraft brauchen, um sich in ihrer neuen Heimat zurechtzufinden. Oder Familien, in denen ein Elternteil psychisch krank ist und der Nachwuchs oft zu kurz kommt. Aber auch viele Kinder von Alleinerziehenden, die ohnehin stets am Rande der Belastbarkeit stehen, sind Teile von Tandems.
Die Idee mit den Kinderpatenschaftsprogrammen wurde in Berlin 2001 erstmals von biffy, den „Big Friends for Youngsters e.?V.“, aufgegriffen. 15 Jahre später sind im Netzwerk Berliner Kinderpatenschaften 27 unterschiedliche Programme organisiert. In einer Gesellschaft, in der es immer weniger Kinder gibt, aber auch Chancen ungleich verteilt sind, hat die Idee, freie Fürsorge-Kapazitäten und Know-how in Form von Wahlverwandtschaften milieuüberschreitend zu nutzen, etwas Bestechendes. Zumal in Berlin, der Stadt der Zuzügler, wo Kinder oft ohne Unterstützung von Großeltern, Tanten oder Onkeln aufwachsen müssen, es aber gleichzeitig zahlreiche Erwachsene gibt, die es befriedigend fänden, Kinder zu unterstützen – und die Stadt durch ihre Augen zu erleben. „Es sind viele Studenten unter den Paten, aber auch viele beruflich gut integrierte Frauen, die oft kinderlos sind oder deren Kinder schon aus dem Haus sind“, sagt Florian Stenzel vom Netzwerk Berliner Kinderpatenschaften.
Umso erstaunlicher, dass demnächst 350 der von dem Netzwerk betreuten Paten-Tandems der Stillstand droht: Bei neun der im Netzwerk organisierten Programmen ist es mangels Finanzierung „ungewiss, ob sie bis Jahresende noch Paten vermitteln“, sagt Stenzel. Denn obwohl die Paten ihr Engagement den Kindern – und damit der Gesellschaft – kostenlos zukommen lassen, kostet die Betreuung von Patenschaften zwischen 1?000 und 1?500 Euro jährlich: Pädagogisch ausgebildete Fachkräfte bringen in den Patenschaftsinitiativen nicht nur die passenden Tandems zusammen, klopfen die sich bewerbenden Erwachsenen auf ihre Eignung ab oder beraten das Tandem vor allem in der Anfangsphase des Kontakts. Man sorgt auch für den Austausch der Paten untereinander und organisiert in Abständen Gruppenaktivitäten.
Die Mittel dafür kommen mehrheitlich von Stiftungen oder Privatspendern. Doch da Stiftungen vor allem neuartige Projekte unterstützen, laufen die Förderungen nach spätestens drei Jahren aus. Anfang Februar hat das Netzwerk Berliner Kinderpatenschaften deshalb Anfragen an den Berliner Senat verschickt: Die Projekte brauchen eine langfristige Grundfinanzierung.
„Das positive Potenzial von Patenschaften ist unstrittig“, erklärt zwar auch Ilja Koschembar, Sprecher der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft. Eine „generelle Leistungszusage für Patenschaftsprojekte“ möchte Koschembar dennoch nicht machen: „Es gibt zahlreiche Familien, deren Problemlagen mit Paten nicht erfolgreich begegnet werden kann. Auch diese Familien sind aber aus dem Budget der Kinder- und Jugendhilfe zu versorgen.“ Florian Stenzel kann dieses Argument nicht verstehen: „Eine Patenschaft stellt die Weichen der Kinder so, dass die Unterstützung durch eine Fachkraft gar nicht mehr nötig ist.“
Im Fall von Anna*, 7, und Stefanie, 37, ein Tandem, das durch biffy vermittelt wurde, drückt sich die mögliche Weichenstellung in Form von stundenlangen Bastelaktionen aus. Denn die Patin Stefanie, eine Grafikdesignerin, hat herausgefunden, dass ihr Patenkind Anna daran ähnlich viel Freude hat wie sie selber. Die gemeinsamen Kreativarbeiten des Tandems machen aber auch Annas alleinerziehende Mutter glücklich: „Mir selbst fehlt jede künstlerische Ader“, sagt sie, „die hat Anna von ihrem Vater.“ Nicht umsonst lautet wohl ein afrikanisches Sprichwort: „Um ein Kind zu erziehen, braucht es ein ganzes Dorf.“

Text: Rebekka Wiese

Foto: Benjamin Pritzkuleit

Netzwerk Berliner Kinderpatenschaften Kirchstraße 2, Moabit, www.kipa-berlin.de

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