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„Kirmes-Overkill“ von Erik Heier

Erik Heier

Es ist derzeit recht einfach, dem Berliner zur gesteigerten Empörung zu verhelfen. Entweder man kündigt ein Wohnungsneubauprojekt in seiner Nachbarschaft an. Das gibt dann garantiert Zoff und mindestens eine Bürgerinitiative. Oder aber man plant ein Straßenfest, einen Straßenumzug. Irgendwas, das die bestürzende Aussicht verspricht, „umsonst und draußen“ viel zu viele von keinerlei Hemmungen gepeinigte Drauflosfeierer auf viel zu wenig öffentlichem Straßenland zusammenzubringen. Mit dem gerade an seine Grenzen gestoßenen, weil völlig überlaufenden Myfest wurde es wieder bewiesen: Nichts ist besser dazu geeignet, das abgrundtief Schlechte im Menschen hervorzubringen, als ein großes, heiteres, ausuferndes Straßenfest. Flaterate-Feiern, als gäbe es kein Morgen, zumindest nicht vor 13 Uhr. Gruppen-Urinieren als Öffentlichkeitsarbeit. Kaum durch Benimmregeln kanalisierte (meist männliche) Sofortpaarungsvorschläge an (meist weibliche) Passanten. Und als Festtagsabrundung gern noch eins auf die Fresse. Schon an normalen Abenden möchte man ja nicht in der weißen Verkleidung der Pantomimen stecken, die in Friedrichshain-Kreuzberg neuerdings zum Deeskalieren durch die Ausschankzonen beordert werden. Im Grunde ist die Stadt, sind ihre Plätze und Straßen und Büsche und Anwohner nämlich zunehmend nur noch reine Kulisse für mentale Wirkungstrinker. Ist doch egal, wieso da ein Fest ist. Hauptsache: ein Fest! Halleluja. Vor 15 Jahren hat man noch den damaligen Baustadtrat von Mitte, Horst Porath, belächelt. Ob seines unentwegten Kampfes gegen die Love-Parade-Raver. Und um jeden einzelnen Tiergartenstrauch. Jetzt würde man sich nicht wundern, wenn sich bald eine Menschenkette vor dem Schlesischen Busch in Treptow zusammenfindet, um ihn vor dem am 25. Juli geplanten „Zug der Liebe“ und seinen spaßaffinen Mistreitern zu schützen. Und der Karneval der Kulturen am Pfingstsonntag mit dem viertägigen Fest auf dem Blücherplatz stand lange auf der Kippe. Auch, weil das Sicherheitskonzept mit dem Erfolg des Umzugs kaum in Einklang zu bringen war. Die ganze Stadt: ein Rummelplatz, eine Open-Air-Kirmesbude. Irgendwann muss einer solche Feste mal eindämmen. Nicht abschaffen. Nur begrenzen. Aber das am besten bald.

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