Antje Weithaas spielt im Boulez Saal alle Violinsonaten von Beethoven

Geigerinnen bilden in der Klassik ein spezielles Feld. Jahrelang wurden sie, wenn sie jung waren, unter dem sexistischen Titel „Geigen-Girlie“ gefördert; um dann, sobald sie die 30 überschritten hatten, nicht länger beachtet zu werden. Männliche Star-Geiger zogen sich derweil zu skandinavischen Boutique- und Independent-Labels zurück, wo sie auf kleinerer Flamme weiterköcheln. Daneben jedoch hat sich eine Fraktion weiblicher Spitzenkräfte gebildet und auch gehalten, die still aushielt und sich mit Lehrberufen sowie kleineren Podien zufrieden gab. Sie sind nun schon über 50 und starten richtig durch.
Bratscherin Tabea Zimmermann mag als Vorbild gedient haben. Auch Geigerin Isabelle Faust ist das Ideal einer industriellen Verkaufsmaßstäben abholden Künstlerin. Die Berliner (genauer gesagt: Potsdamer) Geigerin Antje Weithaas bietet das nachhaltig tollste Beispiel. Jahrelang produzierte sie hauptsächlich große Schülerinnen und Schüler – auf ihrer Stelle als Professorin an der Eisler-Hochschule. Jetzt dreht sie selber auf.
Dem oberflächlichen Glamour hat Weithaas nie viel abgewinnen können. Dennoch konnte sie durch diverse CDs, meist mit Kammermusik, seit Jahren ihren Ruf als wachste, impulshafteste und oftmals sogar beseelteste Solistin ihrer Generation festigen. In Locations wie dem nicht zu überformatigen Boulez Saal findet sie in Berlin die genau richtige Plattform, um zu strahlen.
Ihr dreiteiliger Zyklus mit sämtlichen Violinsonaten von Beethoven sollte eigentlich schon im letzten Jahr stattfinden – musste indes wegen Erkrankung ihres Pianisten Dénes Várjon verschoben werden. Jetzt ist es dennoch so weit.
Die begleitende Gesamtaufnahme beim Label Cavi wurde preisgekrönt. Darauf zeigt sie, wie man Beethoven als espritvollsten und blitzhaft raffiniertesten Komponisten seiner Zeit spielt. Auch macht Beethoven hier einen erstaunlich virtuosen und effektreichen Eindruck. Drei Abende, drei möglicherweise Ur-Erlebnisse der Kammermusik.