Wenn die Waffen schweigen

„In wie mancher heilgen Nacht / sang der Chor der Geister zagend / dringlich flehend, leis verklagend: Friede, Friede! auf der Erde!“, heißt es in „Friede auf Erden“ von Conrad Ferdinand Meyer aus dem Jahr 1886. Das ursprünglich als Weihnachtslyrik konzipierte Werk beschreibt die Hoffnung auf Frieden in kriegerischen Zeiten. Der Schweizer Dichter stellte das Gedicht später Bertha von Suttner zur Veröffentlichung in ihrer Zeitschrift „Die Waffen nieder!“ zur Verfügung und bekannte sich damit zur Friedensbewegung.
Arnold Schönberg, der sich zeitlebens intensiv mit Chormusik auseinandersetzte, begann 1908 mit der Vertonung. Die Uraufführung fand 1911 in Wien unter der Leitung von Franz Schreker statt. Es handelt sich um Schönbergs letztes tonales Werk, in dem er mit dem Kontrast von Homophonie und Polyphonie sowie von Konsonanz und Dissonanz arbeitet. Diese Gegensätze spiegeln die Spannung zwischen realem Unfrieden und der Vision eines idealen Friedens.

Schönberg formulierte seine Haltung dazu so: „Wenn es vielleicht richtig ist, daß man religiös sein muß, wenn man Kirchenmusik schreibt, verliebt, wenn man Liebeslieder […] schreiben will, so muß man doch gewiß nicht verwundet sein, um einen Verwundeten, oder sterbend, um einen Sterbenden zu schildern. Und so wäre es gewiß möglich, eine Friedenshymne zu komponieren, ohne daß man an einen ewigen Frieden glaubt.“
Ernst Senff Chor tritt unter dem Motto „Frieden auf Erden“ auf
Der Ernst Senff Chor entlehnt das Motto seines Konzerts am 22. März dem Titel des Gedichts und stellt Schönbergs Vertonung in den Mittelpunkt des Nachmittags. Erneut beweist das Vokalensemble, wie eine humanistische Haltung und ästhetische Kompetenz Hand in Hand gehen. Denn was könnte in einer Zeit, in der politische Konflikte zunehmend militärisch gelöst werden sollen, dringlicher sein als die Vermittlung pazifistischer Perspektiven? Bereits im vergangenen Jahr sorgte der Chor in der Philharmonie für Gänsehaut, als er dem erstarkten Antisemitismus und Formen der Diskriminierung mit einer neu arrangierten Fassung der Hymne „Jerusalem of Gold“ begegnete.
„Das Konzert am Sonntag singen wir tatsächlich in einer für uns eher ungewöhnlich kleinen Kammerchorbesetzung von insgesamt 22 Sängerinnen und Sängern“, hebt Debora Gutman, die 1. Vorsitzende des Ernst-Senff-Chors, hervor. Auch die weiteren im Konzert erklingenden Werke von Heinrich Schütz, Felix Mendelssohn Bartholdy, Johannes Brahms, Arvo Pärt, Antonín Dvořák, Knut Nystedt und Josef Gabriel Rheinberger sind von unterschiedlichen Aspekten des Friedens inspiriert: „Geistlich-religiös bei Schütz, meditativ bei Arvo Pärt, auf die Natur bezogen bei Dvořák“, so Gutman. „Das Programm verbindet somit verschiedene Epochen und möchte in seiner Vielfalt und Schönheit ein wenig Frieden verbreiten.“
Haus Mendelssohn Jägerstr. 51, Mitte, Website
Ernst Senff Chor: „Friede auf Erden“, 22.3., 17 Uhr
Im vergangenen Jahr stand der Ernst Senff Chor bei „Heaven, Earth & Humanity“ mit den Berliner Symphonikern auf der Bühne. Mehr Texte und Tipps findet ihr in unserer Klassik-Rubrik. Von Bühne über Musik und Kunst bis Literatur: Besucht unsere Kultur-Seite.