Oksana Lyniv: „Ich leiste dieselbe Arbeit wie vorher“

Frau Lyniv, Brahms’ 1. Klavierkonzert ist ein schwergewichtiges, wenn nicht klobig daherkommendes Werk: Beschreibungen, die auf Ihren Stil nicht passen. Wird Brahms bei Ihnen ‚leichter‘?
Das hängt nicht zuletzt vom Solisten ab. Mit Illia Ovcharenko arbeite ich seit drei Jahren intensiv zusammen. Er ist jung und leidenschaftlich und wird das Werk eher in Richtung des jungen Brahms interpretieren. Das 1. Klavierkonzert sollte ja erst eine Sonate für zwei Klaviere werden, dann eine Symphonie, schließlich ein Klavierkonzert. Brahms wusste selber kaum, was er suchte.
Sollte man dem Werk die 23 Jahre seines Komponisten anhören?
Unbedingt! Bei Brahms denkt man an einen Rauschebart. Das war er noch nicht. Die Leichtigkeit, auch der Charakter des Werkes kommt im Dialog zwischen Orchester und Solist zustande. Man braucht Klangvolumen, aber auch die Rhetorik. Dann wird es leichter.
Oksana Lyniv liebt Dvořáks Achte
Dvořáks Symphonie Nr. 8 ist seine vielleicht beste und entstand auf seinem böhmischen Landsitz. Muss man auch das hören?
Auf jeden Fall. Auch für mich ist die Achte die Liebste. Vom ersten Ton an fühle ich mich zurück in meiner Kindheit. Ich stamme gleichfalls aus einer kleinen Stadt, bin zwischen Feldern und Wäldern, total in der Natur aufgewachsen. Ich sehe den Sommerwald, die Sonne strahlt über das Grün, wenn ich das höre. Die Natur sollte man indes nicht einfach nur genießen, sie speichert auch die Geschichte auf. Es gibt da einen Geist der Befreiung. Der Flöte sage ich: „Denk dran, dass du die Stimme und die Seele der Natur bist.“ Es gibt auch heroischere Töne und einen Aspekt der Identitätsfindung, der mir nahe ist.
Der Komponist Eduard Resatsch stammt wie Sie aus der Ukraine. Seine „Reflections of Hope“ waren eine Reaktion auf die Corona-Pandemie. Auch jetzt noch?
Nein, denn Covid war nur der Anlass für das Werk. Es geht um apokalyptische Stimmungen. Geht es noch weiter? Wie reich waren wir vorher! Resatsch geht es auch um die Hoffnung, die wir trotz dramatischer Zeiten immer noch empfinden.
Innerhalb unseres Jugendsymphonieorchesters der Ukraine könnte ich nie so arbeiten, wie Petrenko das mit den Berliner Philharmonikern kann
Oksana Lyniv
Als Assistentin haben Sie gewiss viel von Kirill Petrenko gelernt. Teilen Sie auch seinen Perfektionismus?
Es ist gut, Ideale zu haben, die man nie erreichen kann. Innerhalb unseres Jugendsymphonieorchesters der Ukraine könnte ich nie so arbeiten, wie Petrenko das mit den Berliner Philharmonikern kann. Ich muss Kompromisse machen, denn ich will die Freude den Musikern nicht nehmen, indem ich selber konstant unzufrieden bin. Es kommt darauf an, das bestmögliche Ergebnis unter den jeweiligen Bedingungen zu erreichen.

Ihre Arbeit macht seit dem Ukraine-Krieg einen politischeren Eindruck als zuvor…
Das täuscht. Ich leiste komplett dieselbe Arbeit wie vorher. Ich habe früher mein Land genauso repräsentiert. Nur hat mich damals niemand danach gefragt. Der größte Unterschied für unser Jugendorchester: Früher fanden alle Arbeitsphasen in der Ukraine statt. Seit 2022 sind wir heimatlos und extrem auf Partner angewiesen. Die Hälfte der Musiker lebt noch immer in der Ukraine, und reist an. Die anderen studieren im Ausland. Wir schauen also nach Probenräumen in der Nähe unserer Tourneen. Wo immer ich bin, so etwa demnächst in Chicago, versuche ich gemeinsame Projekte anzudocken. Unser Höchstalter ist 25 Jahre. Die Jüngsten sind zwölf. Einige kommen in Begleitung von Oma oder den Eltern.
Sind sie so oft in Einzel-Tragödien und Problemlagen involviert, wie man denkt?
Ja, gewiss. Für Notsituationen, wenn etwa plötzlich die Wohnung zerstört ist, haben wir ein Hilfsprogramm für junge Musikerinnen und Musiker in Not.
Zur Person
Oksana Lyniv, ukrainisch Оксана Ярославівна Линів, gilt als eine der wichtigsten Dirigentinnen der Gegenwart. Geboren am 6. Januar 1978 in Brody, studierte sie 1992 in Lviv zunächst Flöte und ab 1996 Dirigieren. 2004 war sie Drittplatzierte beim Gustav-Mahler-Wettbewerb in Bamberg (hinter Gustavo Dudamel). Von 2013 bis 2017 war sie Assistentin von Kirill Petrenko an der Bayerischen Staatsoper, bis 2020 Generalmusikdirektorin in Graz.
Haben Sie inzwischen Ihre Eltern aus der Ukraine zu sich geholt?
Meine Eltern wollen das nicht. Sie nehmen zuhause ständig Flüchtlinge auf. Ein Kommen und Gehen. Mein Vater ist Chorgründer, gibt seit 30 Jahren in Brody jede Woche ein Konzert.
Sie kommen nach Berlin zwischen zwei Vorstellungen des „Fliegenden Holländers“ in Bayreuth. Immer noch eine große Sache?
Das wird sich auch niemals für mich entzaubern. Ein magischer Ort, ich denke schon jetzt ständig daran. Wie es zu der Einladung kam, als erste Frau eine Premiere zu dirigieren, weiß ich selber nicht. Das kam per E-Mail. Ich war mir der Schwierigkeiten bewusst. Die Proben sind kurz. Auch ist der Graben in Bayreuth akustisch sehr schwierig. Man darf nicht zuhören, sondern muss ‚blind‘ vorausdirigieren. Man begleitet nicht, denn man hört zu wenig von den Sängern. Und muss trotzdem spüren, wie sie atmen und ob sie es schaffen können. Erst wenn man das kapiert hat, ergibt sich ein großartiger Drive. Dann macht’s Spaß.