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Interview

Senator Lederer übers „Pilotprojekt Testing“: Hoffnung für Kultur?

Berlins Kultursenator Klaus Lederer (Die Linke) hat das „Pilotprojekt Testing“ initiiert: ein Weg der vorsichtigen Öffnung, vorerst mit neun Veranstaltungen in Theatern, Opern, der Philharmonie und am Holzmarkt. Abstandsregeln, Masken, getestete Belüftungssysteme, die erprobten Hygiene-Routinen sind selbstverständlich. Möglich wird dieser tastende Neustart des Berliner Kulturlebens, indem alle Teilnehmenden beim Einlass ein negatives Testergebnis zeigen, nicht älter als zwölf Stunden. Fünf Testzentren sind beteiligt, mit dem Ticketkauf kann man einen Testtermin buchen. Wir haben mit Klaus Lederer telefoniert und sprachen über das „Pilotprojekt Testing“, seinen Optimismus und den Stellenwert von Kultur.

Klaus Lederer am 11. März im Abgeordnetenhaus. Der Kultursenator hat mit uns über das "Pilotprojekt Testing" gesprochen. Foto: Imago/Bernd Elmenthaler
Klaus Lederer am 11. März im Abgeordnetenhaus. Der Kultursenator hat mit uns über das „Pilotprojekt Testing“ gesprochen. Foto: Imago/Bernd Elmenthaler

Klaus Lederer: „Nicht machen wie die Bundesregierung“

tipBerlin Herr Lederer, was versprechen Sie sich von dem aufwendigen Berliner „Pilotprojekt Testing“ zur Öffnung der Kultureinrichtungen?

Klaus Lederer Ich hoffe, dass die Kombination aus Testen, Impfen und Hygienekonzepten eine Rückkehr zum gesellschaftlichen und kulturellen Leben möglich macht. Das Testen wird angesichts der weiter hohen Inzidenzen ganz zentral sein. Mit dem Pilotprojekt wollen wir einmal praktisch durchspielen, wie eine kontrollierte Rückkehr zum kulturellen Leben unter Hygienebedingungen möglich ist.

Wir wollen es nicht machen wie die Bundesregierung, also erst ankündigen und dann scheitern. Deshalb brauchen wir Testläufe wie in diesem Pilotprojekt, um Erfahrungen darüber zu sammeln, was funktioniert. Das Ziel ist, mit einer sehr hohen Sicherheit wieder Kulturveranstaltungen durchführen zu können. Natürlich wird es noch länger nicht möglich sein, in einem geschlossenen Raum in einem großen Chor zu singen oder im Club ohne Abstand zu tanzen. Aber ich hoffe, dass mit einem immer weiter entwickelten Sicherheitsnetz langsam mehr möglich wird.

Theater und Opern wie Tattoo-Studios und Bordelle behandelt

tipBerlin Wird auch Zeit, wird mancher Künstler seufzen.

Klaus Lederer Und dafür habe ich volles Verständnis. Die Kultureinrichtungen wurden als erstes geschlossen, in Berlin früher als in vielen anderen Bundesländern. Diese Vorsicht war richtig und notwendig. Aber ich will nicht, dass die Kultur jetzt erst als letztes wieder öffnet. Deshalb machen wir dieses Pilotprojekt, das in Deutschland einmalig ist.

Kultur ist für eine offene Gesellschaft mehr als Freizeit, auch wenn die Bundesregierung Theater und Opern in ihrer Pandemiepolitik behandelt hat wie Tattoo-Studios und Bordelle.

tipBerlin Nach Ihrer Beobachtung: Wie kommen die freiberuflichen Künstler, denen die Einnahmen weggebrochen sind, in Berlin durch die Krise ?

Klaus Lederer Ihre Lage ist schwierig. Wir haben als Berliner Kulturverwaltung versucht, so gut und so schnell zu helfen, wie wir können. Wir konnten ein relativ gutes Sicherheitsnetz für die privaten und die öffentlich getragenen Kulturbetriebe aufspannen. Die öffentlich getragenen Kultureinrichtungen, also Theater, Opern, Museen, verhalten sich gegenüber ihren freien Mitarbeitern kulant. Das unterstützen und ermöglichen wir ausdrücklich. Im uns möglichen Rahmen versuchen wir auch Soloselbstständigen zu helfen – bis dahin, dass wir Einzelnen Jobs zum Beispiel in Impfzentren vermittelt haben.

Im Impfzentrum in der Arena in Treptow arbeiten soloselbstständige Kunstschaffende. Foto: Imago/Stefan Zeitz
Im Impfzentrum in der Arena in Treptow arbeiten soloselbstständige Kunstschaffende. Foto: Imago/Stefan Zeitz

tipBerlin Ist das Timing ihres Pilotprojekts nicht etwas unglücklich, wenn sich gerade die dritte Welle der Pandemie aufbaut? 

Klaus Lederer Natürlich müssen wir die Inzidenzen genau beobachten. Wenn sich mit Wucht eine dritte Welle entwickelt und nicht schnell genug geimpft werden kann, müssen wir vielleicht wieder in einen strengeren Lockdown gehen. Dann stehen auch solche Projekte zur Disposition.

Wir haben in den letzten zwölf Monaten sehr evidenzbasiert gehandelt, und das machen wir auch bei diesem Projekt. Wir haben uns intensiv mit Wissenschaftlern beraten, mit Epidemiologen, aber auch mit Experten für Public Health oder Belüftungstechnik. Wir haben die Belüftungsanlagen der Opern, Theater, Museen, Konzertsäle überprüft und ertüchtigt. Wir müssen zumindest versuchen, den Kultureinrichtungen zu helfen, damit sie wieder ohne Gefahr für ihre Besucher Kultur anbieten können.

„Es bleibt als Risikofaktor die U-Bahn-Fahrt ins Theater“

tipBerlin Das ändert aber nichts an den Inzidenzen. Woher nehmen Sie Ihren Optimismus? 

Klaus Lederer Dank der Impfungen wird zunehmend ein größer werdender Teil der Bevölkerung vor schweren Verläufen geschützt – auch wenn ich mir gewünscht hätte, dass die Bundesregierung in der Bereitstellung der Impfstoffe sich an Ländern ein Vorbild genommen hätte, die das wesentlich schneller, effizienter und unbürokratischer organisieren. Dank der Hygienebedingungen in den Kultureinrichtungen sind dort Ansteckungen extrem unwahrscheinlich.

Es bleibt als Risikofaktor die U-Bahn-Fahrt ins Theater. Die Bewegung im öffentlichen Raum ist ein generelles Thema. Da trägt unter Public Health-Gesichtspunkten jeder Test zu Eindämmung der Pandemie dabei: Je mehr Menschen sich regelmäßig testen lassen, desto weniger kommt es zu Ansteckungen. Jeder positiv Getestete, der sich in Quarantäne begibt, schützt andere und unterbricht die Infektionskette.

Wenn man nur mit einem negativen Test in die Oper oder zu einem Konzert kann, entsteht ein zusätzlicher Anreiz, sich testen zu lassen. Ich hoffe, dass wir zügig sehr viel mehr Impfstationen bekommen und dass das Testen schnell, unkompliziert und selbstverständlich wird. Die Verfügbarkeit von Schnelltests ist eine große Hilfe. Nötig ist eine breite Test-Infrastruktur, auch in den Unternehmen. Auf diese Weise können wir hoffentlich langsam zu einem gesellschaftlichen und kulturellen Leben unter Pandemiebedingungen zurückkehren.

Lederer zum Regelbetrieb: „Dafür gibt es keinen Tag X“

tipBerlin Das Pilotprojekt geht bis zum 4. April. Was geschieht danach?

Klaus Lederer Wir müssen diese Erfahrungen auswerten, zum Beispiel in der Logistik der Besucherströme. Was hat funktioniert, was müssen wir verbessern, wie können wir maximale Sicherheit und möglichst ungestörten Kunstgenuss verbinden? Kann man zum Beispiel den Test und das Freischalten des Tickets mit entsprechender Software verbinden? Das Ziel ist der sichere Regelbetrieb unter Pandemiebedingungen. Dafür gibt es keinen Tag X, das ist ein vorsichtiges Sich-Herantasten, je nachdem, was uns der Verlauf der Pandemie und die Impfungen erlauben. Wir sind alle in einem Lernprozess.


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