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„Kokoschkins Reise“ von Hans Joachim Schädlich

Queen_MaryHans Joachim Schädlich ist ein Autor, der für Überraschungen gut ist. Welch großartiger Entwurf zum Beispiel war sein von HOGLI kongenial illustrierter „Sprachabschneider“. Ein Schüler „verkauft“ Teile seiner Sprache an einen geheimnisvollen Mann, der wiederum erledigt dafür als Gegenleistung die Hausaufgaben des Schülers. Eine erstklassige Idee, eine realitätsnahe Fantasie, über die sich viele Lehrer freuen – ist doch „Der Sprachabschneider“ eine Steilvorlage für lebendigeren Grammatikunterricht.
Inzwischen sind 30 Jahre ins Land gegangen, Wichtiges wie die „Sache mit B.“ und „Trivialroman“ erschienen. Schädlich wird dieses Jahr 75. Für das Schreiben aber ist er nicht zu alt, das betreibt er auch weiterhin unermüdlich.
Nicht zu alt ist auch Fjodor Kokoschkin, Schädlichs Held im neuen Roman, dabei ist Kokoschkin fast eine Art Methusalem, erstaunliche 95, aber noch gut unterwegs und fähig, wenn es drauf ankommt, einen flotten Flirt hinzulegen. Und dazu hat er Gelegenheit bei einer einwöchigen Überfahrt von South­ampton nach New York mit dem größten und teuersten Passagierschiff, der Queen Mary II. Doch was ihn wirklich umtreibt bei dieser Reise im Jahr 2005, die ihn, den rus­sischen Botaniker und Wahlamerikaner zurück nach Europa kommen lässt, das ist die „Be­sin­nung auf die Bilder der Vergangenheit“. Jeder Tag an Bord beleuchtet Stationen und Kapitel seines Lebens: Petersburg, wo die Bolschewiken 1918 seinen Vater, Minister in der Kerenski-Regierung, umbrachten; das Berlin der 1920er und 1930er Jahre, wo er seine Kindheit verbrachte und seine spätere Freundin Alina kennenlernte, ehe er vor den Nazis 1933 über Prag in die USA emigrierte.
Ein Leben der Flucht, der Schicksalsschläge, Abschiede, aber auch des späten und stillen Glücks. So einfach wie elegant erzählt. Kein großes, aber ein lesenswertes Buch. Und vor exklusiver Kulisse.

Text: Andreas Burkhardt

Foto: Uwe Jens Kahl, pixelio.de

tip-Bewertung: Lesenswert

Hans Joachim Schädlich „Kokoschkins Reise“, Rowohlt, 91 Seiten, 17,95 Ђ

 

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