• Kultur
  • Konrad Rufus Müller: Die Kanzler- von Adenauer bis Merkel

Kultur

Konrad Rufus Müller: Die Kanzler- von Adenauer bis Merkel

BrandtEin Antlitz wie ein Massiv! Intensiv ertastet die Fotokamera die Furchen und Gedankenfalten, die Tränensäcke. 25 Jahre alt war Konrad Rufus Müller, als er 1966 seinen Namensvetter, den „Alten“ aus Rhöndorf, beim Wahlkampf ausschließlich mit Naturlicht he­rausmeißelte. Die 89 Lebensjahre haben ihre faszinierenden Spuren hinterlassen. Ein bisschen erin­nert Adenauers Charakterkopf an einen Indianer. Müller ist der einzige Fotograf, für den sämtliche acht Kanzler der Bundesrepublik Modell saßen. Jeder Persönlichkeit nähert er sich anders. Bei Ludwig Erhard fängt er das Zögerliche ein, die weichen Gesichtszüge. Aber ebenso die fränkische Frohnatur im Bundestagswahlkampf 1969 in Schweinfurt. Gespannt wie ein Habicht erscheint dagegen Kurt Georg Kiesinger hinter der geballten Faust bei einer Wahlrede. Wir sehen daneben den nachdenklichen Politiker, das Kinn in die Hand gebettet. Dies ist das kleinste gemeinsame Vielfache, welches sämtliche Kanzlerporträts verbindet: die nicht retuschierte Einsamkeit, die unvermeidlich den Gipfel der Macht umweht. Massig erhebt sich das Körpergebirge des „Dicken“, dem wir über die Schulter schauen, vor einem dramatischen Wolkenband in San Francisco. Bei der Verleihung der Ehrendoktorwürde 1991 nimmt Kohl mit hochgeschlossenem Kragen gar priesterliches Format an. Demgegenüber kultiviert Gerhard Schröder 1997 die Offenheit, erheischt demons­trativ die Zwiesprache mit seinem Betrachter. Vier Jahre später erleben wir ihn staatstragend aus der Untersicht, haben sich die Spuren der Macht unübersehbar in die Phy­siognomie eingraviert.

Unnahbar gibt sich Helmut Schmidt, der Fotografen als „nahe Verwandte des Menschen“ denunzierte. Beim Shooting mit der aktuellen Amtsinhaberin kam es vor wenigen Monaten beinahe zu einem Eklat, da Merkel partout nicht auf Müllers Arbeiten ohne Blitz eingehen wollte. Das Resultat der „Teflonkanzlerin“ wirkt ge­genüber jenen ihrer Amtsvorgänger entsprechend flach, ja getuned. Digitalaufnahmen lehnt er rigoros ab, schwört hingegen auf seine Rolleiflex-Kamera von 1975. Die subtilsten Studien gelangen ihm nach seinem geglückten Adenauer-Debüt von Willy Brandt. Die ganze Bandbreite zwischen Nachdenklichkeit bis hin zum versonnenen Grübeln und echter Lässigkeit spiegelt sich in dieser Falten-Topografie. „Solche Köpfe wie Adenauer oder Samuel Be­ckett gibt es gar nicht mehr“, seufzt Konrad Müller.
Angesichts der Photoshop-bereinigten, aseptischen Grinsebilder, welchen wir in hektischen Vorwahlzeiten nicht mehr ausweichen können, ist diese Ausstellung eine wahre Wohltat und regt an, über die Menschen hinter der Macht zu sinnieren.

Text: Martina Jammers
Fotos: Konrad Rufus Müller (c/o Galerie)

tip-Bewertung: Sehenswert


Konrad Rufus Müller: Die Kanzler – von Adenauer bis Merkel

im C/O Berlin im Postfuhramt, (Adresse und Googlemap)
tg. 11-20 Uhr, bis 4.10.

weitere Rezensionen:

CEAL FLOYER IN DEN KUNST-WERKEN BERLIN (BIS 18.10.)

KUNST UND MUSEEN IN BERLIN VON A BIS Z

Mehr über Cookies erfahren