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Klassiker der Moderne

„Krieg“ im Berliner Ensemble

Prost, Ihr Penner – Das Texas Chainsaw Massacre des Theaters: Robert Borgman zieht mit Rainald Goetz in den „Krieg“

Julian Röder

Robert Borgmann gelingt am Berliner Ensemble nicht weniger als die umwerfende Wiederentdeckung und Neu-Lektüre eines monströsen Textes, genauer: einer ganzen Armada von Texten, die gleichzeitig wütendster Frontalangriff auf die Gegenwart, die Welt, das Theater ist, Bier-Brachialkomik-Spaß („Prost, Ihr Penner!“), Schlachtgemälde, Künstlerdrama, Hassgesang, die skrupulöseste Selbstbefragung und der Gang durch die Gefängniszellen und Labyrinthe im eigenen Kopf. Oder, mit den Titeln der drei Stücke des Textblocks: „Heiliger Krieg“, „Schlachten“, „Kolik“, zusammen kurz und heftig: „Krieg“. Als Rainald Goetz die Stücke vor 32 Jahren veröffentlichte, drei Jahre nach seinem Erstling, den Psychiatrie- und Nachtleben-Roman „Irre“, wirkte das wie eine einzige Ohrfeige, allerdings eine, die man nicht ignorieren konnte. Hans Hollmanns formstreng-steile Uraufführung nannte Helmut Schödel in der „Zeit“ damals schlicht „Das Attentat“.

Drei Jahrzehnte später, nach den Flächenbränden des Pop- und Ironie-Theaters, nach den Selbstreflexions- und Thesen-Bombardements des Diskurs-Theaters, nach Pucher, Jelinek, Castorf, Pollesch, Kruse, Schingensief, ist es mit den Schockmomenten im Theater erstmal vorbei. Nicht nur die beiden kaputt-lustigen Trinker-Figuren aus „Heiliger Krieg“, Mensch-Bubi und Ach-Harald, im echten Leben die Boulevard-Heroen Harald Juhnke und Bubi Scholz, sind inzwischen vergessen. Das Helmut-Kohl-Deutschland, gegen das Goetz antobte, erscheint von heute aus als beneidenswert entspanntes Land. Goetz ist jetzt selbst einer der Klassiker der Gegenwart, die er mit den unüberhörbaren Echos und Referenzen an den verehrten Thomas Bernhard, den eher verachteten Botho Strauß, den fremden Heiner Müller, das Rätsel Beckett in „Krieg“ gleichzeitig zitiert, dekonstruiert und überbietet.

Spannende Frage: Wie lässt sich das heute aufführen, ohne dass es wirkt wie eine Erinnerung an die Pop-Frühzeit der seligen 1980er, sozusagen das Koks der frühen Jahre? Robert Borgmann, Regisseur, Groß-Installations-Bühnenbildner und offenbar ein Mensch mit einem komplizierten, aber hervorragend funktionierendem Gehirn, gibt mit Sabrina Zwach, der Dramaturgin der Inszenierung, und einem herausragenden Ensemble am Berliner Ensemble eine Antwort, die es in sich hat. Großartig und unheimlich sind zum Beispiel die Bedeutungsverschiebungen, die allein durch den veränderten zeitgeschichtlichen Rahmen entstehen. Der Chor der besorgten Bürger etwa (Constanze Becker und Annika Meier) stimmt seine Klage jetzt in breitestem Sächsisch an: „Böse Welt! Ich Bürger bin so gut. Wehe uns! Oh weh!“ Höhnischer kann man das aggressive Selbstmitleid der Pegida-Chöre nicht auseinander nehmen. All die Revolutions- und Terror-Aufrufe, die Parolen von „Aufstand“ und „Vernichten! Vernichten!“ und „Alle Macht den Räten“, die bei Goetz nach der Punk-Variante von Schiller und Müller und RAF und 1968er-Endmoräne klingen, all diese viel zu großen Vokabeln, die in der saturierten 1980er Bundesrepublik nur wie Hohn und bestenfalls historische Pathos-Reste wirkten, bekommen heute einen gänzlich anderen Beigeschmack: Wer 2018 von Revolution und Vernichtung phantasiert, ist entweder Islamist oder rechtsradikaler Identitärer.

Der Wucht und Vielstimmigkeit des Textes setzt Borgmann im weit aufgerissenen Bühnenraum ähnlich großdimensionierte Bilder entgegen. Eine achteckige Neonröhren-Konstruktion mit einem autarken roten Konterpart kreist gefährlich wie das Auge Gottes oder ein Ufo aus der Hölle über der Bühne. Als Constanze Becker konzentriert und auf die Sprache fokussiert in den Bericht einer Nachtleben-Exzess-Szene stampfender Körper eintaucht, die in einen mit Genuss ausgemalten Theaterbrand und eine Splatter-Massaker-Szene mündet (weshalb die Passage auch den schönen Titel „Texas Chainsaw Massacre“ trägt), senkt sich dieses Neon-Labyrinth wie eine soghafte Bewusstseinsstörung, die alles in sich aufsaugen wird, über die Sprecherin. Es sieht aus, als würde die Welt alles schockgefrieren lassen.

Den Wumms-Bildern stehen leise, zarte Szenen gegenüber, etwa wenn ein wunderbar leicht und fein spielender Veit Schubert fast ganz ohne Hohn einen ratlosen Spät 68er spielt. Beides, Wumms und Arbeit des Gedanken samt dem ihr eigenen Terror, erlebt man in der stärksten Szene des Abends, wenn sich Aljoscha Stadelmann, eingesperrt in eine kleine Box wie in den eigenen Kopf, durch Bewusstseinslabyrinthe ohne Ausweg arbeitet.
Dass Punk nicht tot ist, zumindest nicht im Theater, beweist zum Beispiel mit Wucht Stefanie Reinsperger, wenn sie wie ein weiblicher Godzilla, das Monster, das mit der Zivilisation kurzen Prozess macht, die Bühne stürmt und alle Befreiungs- und sonstigen Ideologien niedermacht: „Unglaublich, der befreite Mensch! Irrsinn, Wahnsinn, Befreiung, Folter. Hören Sie das? Wahnsinn, wie die redet!“ Wahnsinn.

Termine: Berliner Ensemble, 13 – 42 €

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