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„Kriegsalltag und Abenteuerlust“ im Verborgenen Museum

Mit Helm und Militärstiefeln: Das Verborgene Museum stellt in Kriegsalltag und Abenteuerlust Bilder fast vergessener Kriegsfotografinnen aus

Anonym: Mairi Chisholm und Elsie Knocker mit Stahlhelmen, während sie ihre Kameras kontrollieren, vermutlich in Pervijze, Belgien, 1917 [©Imperial War Museum, Q 105969]

Dreißig Jahre bevor sich die US-Amerikanerin Lee Miller nach dem Sieg der Alliierten 1945 medienwirksam in Hitlers Badewanne ablichten ließ und eine der bekanntesten Kriegsfotografinnen des Zweiten Weltkriegs wurde, gab es bereits zahlreiche Kolleginnen, mit deren Arbeiten sich Fotohistoriker jedoch lange Zeit kaum beschäftigten.

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs hatte keine professionelle Fotojournalistin Zugang zu den Schlachtfeldern. Bilddokumente entstanden aber durch Amateurfotografinnen wie zum Beispiel Elsie Knocker und Mairi Chisholm, die sich 1914 als Sanitäterinnen meldeten und an vorderster Front eine Ambulanzstation betrieben. Mit ihren Rollfilmkameras, die zu jener Zeit zu einem künstlerisch-technischen Massenmedium entwickelt worden waren, ­fotografierten sie den Kriegsalltag und begaben sich in die Schützengräben.

Seiner Zielsetzung folgend, Lebenswerk und Biografien von in Vergessenheit geratenen Künstlerinnen bekannt zu machen, stellt das Verborgene Museum in der aktuellen Ausstellung wenig beachtete Kriegsfotografinnen vor, die zwischen 1914 und 1945 in Europa gewirkt haben. Im Ersten Weltkrieg waren es meist Frauen aus Großbritannien und Österreich. Manche von ihnen zogen geradezu begeistert in den Krieg, konnten sie doch mit dieser elementaren Grenzerfahrung ihr beträchtlich eingeschränktes Wirkungsfeld auf vermeintlich abenteuerliche Weise erweitern. Zu ihnen gehörte auch die Österreichische Reisejournalistin Alice Schalek, die als erste deutschsprachige Kriegsreporterin zusammen mit 31 männlichen Kollegen akkreditiert wurde.

Die 1917 auf Privatinitiative in London angelegte Sammlung des Imperial War Museum (IWM) spielte eine wichtige Rolle bei der Förderung weiblicher Kriegsberichterstatterinnen. Für die britische Regierung, die das Museum unterstützte, stellte die Sammlung ein Propagandainstrument für eine geeinte britische Nation dar, in der aus allen Ländern des Empires gemeinsam Opfer auf den Schlachtfeldern erbracht wurden. Die ersten Ausstellungen des IWM thematisierten die Arbeit des Roten Kreuzes und Frauenarbeit im Krieg.

Die britische Porträtfotografin Olive Edis erhielt vom IWM den Auftrag, Frauen im Dienst der britischen Truppen zu fotografieren. Eine Fotografin, die in den Camps der jungen Frauen lebte, würde zweifellos intimere Bilder des Alltags produzieren als ein männlicher Kriegsberichterstatter. Die Britin und ihre Kollegin Christina Broom gehörten zu den ersten Frauen in Großbritannien, die als freiberufliche Fotografinnen ihren Lebensunterhalt verdienten. Ab den 1920er Jahren hatte sich die Anzahl der professionellen Fotografinnen europaweit enorm gesteigert. Die Kriegsberichterstatterinnen des Zweiten Weltkriegs wurden stärker beachtet, sie ebneten den Weg zur Anerkennung von Frauen, die aus Kriegs- und Krisengebieten berichten.

Christine Spengler, Jahrgang 1945, deren Fotos weltweit publiziert wurden, malt jetzt rote Bilder. Vielleicht will sie sich vom Anblick des vielen Blutes befreien, das sie während ihrer Zeit als Kriegsfotografin gesehen hat, vermutet sie in Sigrid Faltins Film „Der Kampf um Bilder, Leben und Tod“ von 2016. Die fast einstündige Dokumentation wird während der Ausstellung gezeigt – eine spannende Ergänzung zu den Schwarzweißbildern aus ­europäischen Kriegen.

Das Verborgene Museum Schlüterstr. 70, Charlottenburg, 4.1.–11.2., Do+Fr 15–19, Sa+So 12–16 Uhr

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