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Interview

Kulturprojekte-Chef van Dülmen: Corona und Planung? „Alles Mist“

Für die Veranstaltungsindustrie sind die vergangenen Monate eine Katastrophe gewesen. Auch die Zukunft ist nur schwer planbar. Wir haben mit Moritz van Dülmen über die Herausforderungen dieser Zeit gesprochen. Als Geschäftsführer der Kulturprojekte Berlin, der gemeinnützigen Landesgesellschaft zur Förderung der Kreativwirtschaft der Stadt, organisieren er und sein Team jährlich viele Events – von der Berlin Art Week bis zur Langen Nacht der Museen, von Veranstaltungen zu geschichtlichen Jubiläen bis zur Berlin-Ausstellung im Humboldt Forum.

Wie geht man mit der Unplanbarkeit des Jahres um? Wie viel Kraft kostet es – und wie bleibt man optimistisch? Wie optimistisch dürfen wir alle überhaupt sein für Frühling, Sommer, die langfristige Zukunft?

Moritz van Dülmen, Chef der Kulturprojekte Berlin, bei einer Pressekonferenz zum Humboldt Forum – eine der vielen Projekte, die derzeit mehr Planungstalent benötigen. Foto: Imago/Contini

Kulturprojekte-Chef van Dülmen: Leben mit einer extremen Unsicherheit

tipBerlin Herr van Dülmen, wie können wir uns derzeit die Arbeit bei Kulturprojekte vorstellen?

Moritz van Dülmen Es ist ein Durcheinander und, das muss man so sagen, weiterhin einfach Mist – auch, wenn die Pandemie ja nun schon eine Weile läuft. Denn nach wie vor leben und arbeiten wir mit einer extremen Unklarheit. Jede Entscheidung bedarf eines Blickes in die Glaskugel, denn am nächsten Tag ist gern schon wieder alles anders. Unsere Arbeit ist geprägt von Abwägen, Planung, Umplanung, Verschiebungen, Neuplanung. Wir starren auf Kalender und Corona-Vorhersagen und wissen abends trotzdem nicht, ob die Arbeit des Tages Bestand hat. Einen gewissen Optimismus zu bewahren, ist da nicht immer leicht.

tipBerlin Die Auswirkungen auf verschiedene Projekte sind sicher unterschiedlich, oder?

Moritz van Dülmen Richtig. Unser Glück ist, dass wir nicht hauptsächlich kommerzielle Veranstaltungen machen und wir oft nicht vom Publikum refinanziert werden müssen, da die Veranstaltungen nicht selten für die Gäste ohnehin kostenlos sind. Wir sind aber breit aufgestellt: Die Berlin Art Week findet draußen und drinnen statt, wir betreiben ein kleines Theater, arbeiten mit Museen, betreuen Erinnerungsveranstaltungen wie 2021 zum Beispiel anlässlich 60 Jahre Mauerbau. Zudem hängen wir mit dem Humboldt Forum ein wenig in der Luft: Unsere  große Ausstellung BERLIN GLOBAL würden wir auch gern zeigen. Jedes Projekt stellt neue Anforderungen – wobei vieles, das wir organisieren, zum Glück draußen stattfindet. Und wir freuen uns sehr, dass etwa unsere Beratungsangebote für Kulturschaffende und Kreative auch digital gut funktionieren und wir auf diese Weise an vielen Stellen helfen und unterstützen können.

van Dülmen: Bisher immer überzeugt von Plan A – nun braucht’s auch B und C

tipBerlin Trotzdem muss jedes Projekt mit allen Unwägbarkeiten im Hinterkopf geplant werden.

Moritz van Dülmen Ja, und das ist neu für uns. Ganz ehrlich: Wir haben bei unseren Veranstaltungen eigentlich nie einen Plan B. Im schlimmsten Fall regnet es und das können wir ohnehin nicht kontrollieren, ansonsten sind wir immer überzeugt von unserem Plan A. Nun machen wir nicht nur einen Plan B, sondern oft auch C, weil B auch wieder nicht klappen könnte.

Moritz van Dülmen mit Kultursenator Klaus Lederer bei der Eröffnung der „Langen Nacht der Museen 2019“ auf den Stufen der James-Simon-Galerie. Foto: Kulturprojekte Berlin

tipBerlin Sie sprachen eben die Glaskugel an – gibt es eigentlich irgendwas, das gerade planbar ist?

Moritz van Dülmen Wir stehen vor einer Grundkrux: Nichts ist sicher. Normalerweise beginnen wir die Planungen mit der Festlegung eines Datums, und das geht meistens schnell. Nun ist aus der Frage nach dem Datum die Frage, was an einem Datum möglich ist, geworden, und ob es haltbar ist. Was kann funktionieren, was wird funktionieren, was wird erlaubt sein? Das ist anstrengend, das nervt wahnsinnig, weil das Datum nun mal alles bedingt. Manchmal sind wir verhalten optimistisch und hatten zum Beispiel mit Ostern als möglichem Veranstaltungsdatum gerechnet – das sieht nun wieder schlecht aus. Dass Theater und Bühnen bis Ostern dichtbleiben, steht ja schon fest. Wie es dann weitergeht? Weiß niemand. Also wird hier und da wieder nach hinten verschoben.

Überfrachtung im Herbst „für kommerzielle Veranstaltungen ein Problem“

tipBerlin Das Jahr ist nicht endlos – wächst da dann nicht die Konkurrenz?

Moritz van Dülmen Natürlich, nicht nur insgesamt in Berlin, sondern sogar im eigenen Haus: Es gibt nur ein bestimmtes Zeitfenster im Jahr, in dem wir Veranstaltungen draußen sinnvoll abhalten können. Dieses Fenster wird für alle immer kleiner. Wenn im Sommer plötzlich wieder einiges geht, werden auch viele viel veranstalten wollen. Eine Überfrachtung wird dann vor allem für kommerzielle Veranstaltungen ein Problem.

tipBerlin Der Sommer 2020 – wie empfinden Sie ihn in der Rückschau?

Moritz van Dülmen Er war nicht so katastrophal, wie wir befürchtet hatten, zwischen August und Oktober war einiges los. Das dürfen wir nicht vergessen. Das wird auch dieses Jahr so sein und dementsprechend planen wir.

Moritz van Dülmen ist Geschäftsführer der Kulturprojekte Berlin – und braucht seit 2020 für Events auch einen Plan B. Foto: Jan Sabotka/Kulturprojekte Berlin

tipBerlin Digital war das große Zauberwort des vergangenen Jahres. Zurecht?

Moritz van Dülmen Ein Stück weit ja. Und natürlich denken wir jetzt noch mehr als früher auch alles digital mit. Aber wir stellen uns auch die Frage, wie viel Digitales der Mensch überhaupt verträgt. Wo es irgendwie geht, wollen wir Veranstaltungen analog umsetzen, denn einiges kann am Bildschirm einfach nicht reproduziert werden. Und auch dort, wo es funktioniert, ist das Interesse nicht unbedingt so groß, wie es bei einem analogen Event wäre. Das müssen wir auch ehrlich sagen.

tipBerlin Für die Arbeitsläufe dürften Computer aber derzeit ein Segen sein.

Moritz van Dülmen Ja und nein. Keine grandiose Idee wurde jemals in einem Jour Fixe am Telefon geboren. Kreative Prozesse lassen sich per Zoom schwer reproduzieren. Neben den Produktionsbedingungen sind weiterhin auch Themen wie Organisation, Finanzakquise, einfach generell Austausch extrem geschwächt.

Kulturprojekte: Beim Humbolt Forum „die Zähne zusammenbeißen“

tipBerlin Sie haben das Humboldt Forum bereits erwähnt, wann dürfen wir endlich rein?

Moritz van Dülmen Nun ja, der Termin Ostern ist hinfällig, eigentlich sollte es ja schon viel, viel früher losgehen. Nun setzen wir eben auf den Frühsommer. Auch da hängt zum Beispiel ein großes Team dran von Dutzenden Leuten. Die jetzt wieder alle die Zähne zusammenbeißen und entsprechende Umplanungen machen müssen.

tipBerlin Freuen Sie sich trotz allem auf das Jahr?

Moritz van Dülmen Ja. Unbedingt. Das Schöne an unserer Arbeit ist: Wir leben irgendwie auch in der Zukunft, weil wir für die Zukunft planen. Manchmal ist das der Strohhalm, an den wir uns klammern. Und wir sind ja noch in der guten Lage, dass wir viel draußen machen und generell Möglichkeiten haben. Eine Ausstellung kann man auch mal ohne Vernissage machen – wir wollen definitiv nicht das nächste Superspreader-Event produzieren. Aber es gibt eben auch die Indoor-, die Kuschelveranstaltungen, die sich absolut nicht draußen oder digital umsetzen lassen.  Eine Clubnacht ist eine Clubnacht – und die ist nur dort möglich, mit schwitzenden Menschen, die eng beisammen sind. Wer davon lebt, für den sieht es noch eine Weile schlecht aus. Das ist schlicht Mist beziehungsweise teils katastrophal.

tipBerlin Glauben Sie, dass sich Clubs und andere Stätten dann neue Konzepte für draußen, vielleicht sogar neue Örtlichkeiten ausdenken?

Moritz van Dülmen Möglich. Aber Sie dürfen nicht vergessen, dass solche Veranstaltungen dann oft eher ein kleines Vergnügen als finanzielle Hilfe sind – ökonomisch lohnt sich das kaum. Aber die Anbieter brauchen das Brot und das Volk – ich gehöre auch zu den Kulturhungrigen – braucht die Spiele. Deshalb wird es auch dahingehend wieder viele Versuche und Ideen geben.


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