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„Kunst ist kein Mittel zum Zweck“ – Gespräch mit Berlins neuem Kultursenator Klaus Lederer

Berlins neuer Kultursenator Klaus Lederer (Die Linke) über Chris Dercon, Gagentransparenz für Intendanten und Allianzen zwischen Kunstszene und Neoliberalismus

Foto: imago/IPON
Foto: imago/IPON

tip Herr Lederer, Sie haben vor der Wahl deutlich gemacht, dass Sie die Berufung Chris Dercons als künftigen Intendanten der Volksbühne für einen Fehler halten. Wollen Sie als eine Ihrer ersten Amtshandlungen Vertragsbruch begehen und Dercon ausbezahlen?
Klaus Lederer Auf keinen Fall. Verträge müssen eingehalten werden. Dennoch kann man fragen, was für alle Beteiligten eine gute Lösung ist. Wir bewegen uns in einem Spannungsfeld: Was ist das Beste für dieses Theater? Was ist das Beste für Chris Dercon, der an der Tate Modern in London gezeigt hat, dass er ein ideenreicher Kurator ist? Ich habe unmittelbar nach Amtsantritt Kontakt zu ihm aufgenommen, wir wollen uns möglichst bald treffen.

tip Dercons öffentliche Äußerungen klingen zunehmend aggressiv und nervös. Wie soll die Lösung bei der Volksbühne aussehen?
Klaus Lederer Niemand will die Castorf-Volksbühne auf ewig konservieren. Aber man hätte mit ihm gemeinsam über die Zukunft des Hauses nachdenken können, statt ihn einfach zu überfahren. Wofür steht die Volksbühne? Soll sie ein Magnet für Touristen und das Stadtmarketing sein? Oder hat sie einen spezifischen Charakter, eine DNA, die man nicht einfach ersetzen kann? Und wenn das so ist, ist sie dann der richtige Ort für jemanden wie Dercon, der aus völlig anderen Zusammenhängen kommt und kaum Theatererfahrung hat? Kann man erwarten, dass er das Theater durchgehend im Repertoirebetrieb bespielt und das nötige Einnahmesoll erzielt? Natürlich gibt es bei Intendantenwechseln immer Zäsuren und Enttäuschungen, das ist normal. Aber hier geht es um mehr, zum Beispiel darum, ob die Volksbühne ein Ensembletheater bleibt oder eine Plattform für durchreisende Produktionen wird.

tip Denken Sie darüber nach, Dercon anzubieten, am Hangar in Tempelhof ein Zentrum für Performing Arts zu errichten und auf die Volksbühne zu verzichten?
Klaus Lederer Ich denke derzeit über vieles nach. Wie kann man eine Konstellation schaffen, in der jemand, der an der Tate Modern Maßstäbe gesetzt hat, in Berlin ähnlich erfolgreiche Arbeit leisten kann? Hat er dafür an der Volksbühne oder woanders die besten Rahmenbedingungen? Ich möchte mit ihm eine Lösung finden, nicht gegen ihn. Das setzt auf beiden Seiten Dialogbereitschaft voraus. Die ist schon deshalb notwendig, weil in diesem Jahr die Haushaltsberatungen für die Jahre 2018/2019 anstehen. Dercons sehr hoher Vorbereitungsetat war einmalig und keine dauerhafte Etaterhöhung.

tip Sie wollen die Gehälter des Spitzenpersonals der Berliner Kultureinrichtungen transparent machen. Suchen Sie Ärger mit den Intendanten und Museumsleitern?
Klaus Lederer Jeder kann wissen, was der Regierende Bürgermeister oder Beschäftigte im öffentlichen Dienst verdienen. Nur in der Kultur ist das bisher nicht transparent. Das ist etwas erstaunlich, schließlich ist Kultur auch ein Ort, an dem sich eine Gesellschaft mit sich selbst über ihre Konflikte und Wünsche verständigt.

tip Befürchten Sie nicht, dass es in Zukunft schwierig wird, gute Leute zum Beispiel für eine Theaterintendanz zu gewinnen, wenn Sie darauf bestehen, die Gage öffentlich zu machen?
Klaus Lederer Die erste rot-rote Koalition in Berlin hat 2004 durchgesetzt, dass die Gehälter der Leiter landeseigener Unternehmen transparent werden, von den Verkehrsbetrieben bis zur Stadtreinigung. Es kam die Kritik, dass wir eine Neid-Debatte schüren, und dass wir keine guten Leute mehr bekommen. Wir haben das trotzdem gemacht, und heute gilt es als völlig normal. Kultur ist der einzige Bereich, in dem das nicht so ist. Wenn landeseigene Kultureinrichtungen als GmbHs oder Beteiligungsgesellschaften organisiert sind, wie das HAU-Thea­ter, ist die Vergütung heute schon öffentlich einsehbar. Weshalb soll das bei anderen Theatern und Opern nicht auch möglich sein?

tip Kennen Sie Theater oder Opern, an denen das interne Gehaltsgefälle in Ihren Augen zu groß ist?
Klaus Lederer Ich finde, dass das Einkommensgefälle in unserer Gesellschaft generell zu groß ist. Da spiegeln sich in den Theatern nur gesamtgesellschaftliche Entwicklungen. Der Marktpreis von Arbeit ist nicht immer identisch mit dem Wert, den sie für die Gesellschaft hat.

tip Sie wollen bei öffentlich geförderten Projekten der Freien Szene Mindestgagen durchsetzen. Sind staatlich verordnete Gagen-Untergrenzen nicht etwas dirigistisch?
Klaus Lederer Ich glaube nicht daran, dass Menschen besonders kreativ werden, wenn sie unter massivem materiellem Druck stehen und um ihre Existenz fürchten müssen. Bei der Gagenuntergrenze orientieren wir uns an der Mindestgage des Deutschen Bühnenvereins. Das sind ab kommendem Jahr 1850 Euro im Monat, das ist nicht gerade luxuriös. Ich finde auch, dass Lehrer an Jugendmusikschulen besser abgesichert werden müssen als das bisher der Fall ist. Kunst und Kultur waren in einigen Bereichen Vorreiter deregulierter Arbeitsverhältnisse. Das mit der Freiheit der Kunst zu rechtfertigen, finde ich bei öffentlich geförderten Projekten etwas zynisch. Es gibt eine merkwürdige, sehr ambivalente Allianz zwischen Neoliberalismus und künstlerischer Selbstverwirklichung. Es ist Zeit, die Liason zwischen neoliberaler Ideologie und künstlerischer Praxis in Frage zu stellen.

tip Der rot-rot-grüne Koalitionsvertrag betont sehr stark die Bedeutung der Kunst für soziale Integration. Verwechseln Sie Kunst mit einem Instrument der Sozialpädagogik?
Klaus Lederer Nein, das wäre auch völlig falsch. Kunst ist kein Mittel zum Zweck. Wenn Barrie Kosky an der Komischen Oper die „Zauberflöte“ inszeniert oder wenn Herbert Fritsch an der Volksbühne seine Dada-Revuen zeigt, sind das großartige Kunstwerke, das hat mit Sozialpädagogik nichts zu tun. Etwas anderes ist es, wenn Kultureinrichtungen von sich aus den Austausch mit der Stadtgesellschaft, mit sozialen Brennpunkten, mit Flüchtlingsunterkünften, mit Schulen in ärmeren Stadtteilen suchen. Das geschieht ja schon länger und zum Teil sehr intensiv. Kunst kann Möglichkeiten des sozialen Miteinanders jenseits des Marktes und der Konkurrenzgesellschaft schaffen. Das Drei-Euro-Ticket, das auch Berlinern mit wenig Geld den Theater- oder Opernbesuch möglich macht, hat Thomas Flierl als Kultursenator der ersten rot-roten Landesregierung vor gut zehn Jahren eingeführt. Solche Angebote kann man ausbauen. Aber Kunst kann gesellschaftliche Missstände nicht kompensieren oder durch Bespaßung und Bespielung überdecken. Das funktioniert nicht, das ist auch nicht die Aufgabe von Kunst. Um harte soziale Missstände zu bekämpfen, braucht es nicht Kunst, sondern eine andere Politik.

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